Montag, 29. April 2019

Die Jugend heutzutage



Bei einem Spaziergang treffe ich einen älteren Mann, der mit seinem Hund unterwegs ist. Er hat ein großes Mitteilungsbedürfnis, erzählt aus seinem Leben, von der Jagd, vom Krieg, vom Tod, dem er so nahe war. „Die Jugend“, sagt er, „die weiß das alles gar nicht mehr.“
Ich bin mir etwas unsicher, ob er mich damit meint.
Dann berichtet er von der Wildschweinjagd und von den Wölfen, die hier manchmal durch den Wald streifen, und dass auch das die Jugend heutzutage falsch einschätzt, weil sie nichts mehr von der Natur versteht.
„Hier“, sagt er zu mir und zeigt auf ein Kraut am Wegrand. „Wissen Sie, was das ist?“
Okay, ich gebe zu, von Botanik verstehe ich so wenig wie vom Kochen.
„Sumpfdotterblume“, sagte ich auf Verdacht. Ich weiß zwar nicht, wie die genau aussieht, aber ich mag den Namen.
Er schnaubt verächtlich. Es ist, so erfahre ich nun, Schöllkraut. Und natürlich muss ich mir nun auch wieder anhören, dass die Jugend noch nicht mal das weiß. Aber nun weiß ich definitiv, dass er mich zu dieser Altersgruppe zählt. Das verbuche ich unter „schmeichelhaft“.
„Und was ist das hier?“, fragt er weiter und deutet auf eine andere Pflanze. Er scheint in seinem ersten Leben Biologielehrer gewesen zu sein.
Jetzt ziehe ich mein Smartphone und öffne die App „Was ist das für eine Blume“, klicke auf weiß, fünfblättrig und Waldgebiet, schaue mir ein paar Fotos an und bestimme „Weißdorn“.
Jetzt ist er sauer. „Ich weiß das aber, ohne nachzugucken“, sagt er verärgert.
„Dafür weiß ich, wie man eine App installiert“, antworte ich. 

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