Montag, 10. Januar 2022

Bundesliga-Geister

 


Habt ihr es auch gesehen? Bundesliga live am Samstag? Ich glaube, es war das Spiel Greuther Fürth gegen Stuttgart, aber beschwören kann ich es nicht. Wieder war es eines dieser unheimlichen Geisterspiele. Nur diesmal saß ein einsamer Zuschauer in der Mitte der Tribüne. Ich weiß nicht, wie viele Menschen in ein Stadion passen, aber 70 000 werden es sicherlich sein. Dieser Mann saß da ganz allein, um ihn herum nichts als leere rote Plastikstühle. Das allein ist schon komisch. Noch seltsamer aber war, dass dieser Zuschauer eine Maske trug. Nicht irgendeine Maske. Eine FFP-2 Maske war es. Mit diesem weißen Schnabel vor dem Mund verfolgte er das Spiel sprachlos und gestenarm.

Viele Fragen taten sich mir auf: Warum sitzt er da? Und warum trägt er eine Maske? War das die Bedingung, unter der er da sitzen durfte? Und wenn ja, warum hat er sich nicht dagegen gewehrt. Wen glaubte er denn anzustecken?

Hätte er der Bedingung auch zugestimmt, wenn man ihm eine Eisenkugel ans Bein gebunden hätte?

Die Menschen lassen sich ja im Moment viele Sinnlosigkeiten gefallen.

So ist sie eben, die neue Freiheit!

Mittwoch, 5. Januar 2022

Spaziergang am Abend

 



Als ich auf dem Markplatz eintreffe, bin ich verwirrt. Nur so wenige? Lediglich die Polizei ist schon da. Still steht sie mit ihren Einsatzwagen vor der Kirche und beobachtet das Geschehen.

Ich schaue mich um. Vor der Kneipe stehen ein paar Menschen, vor den Geschäften ein paar andere. Noch andere sitzen auf den Bänken. Gespannte Stille liegt über dem Platz. Doch als die Kirchturmuhr zur vollen Stunde schlägt, treffen alle auf dem Markplatz zusammen. Es sind viele. Sehr viele. 

Jemand geht los und alle folgen in gutem Tempo. Nun setzt sich auch die Polizei in Bewegung, Gott sei Dank nur, um die Straße zu sperren. Lang und schwarz bewegt sich der Zug durch den dunklen Abend. Einige haben Kerzen dabei. Einige singen „Die Gedanken sind frei.“ Viele schweigen.

Einmal gibt es einen kurzen Tumult. Ein Autofahrer verliert an der Straßenkreuzung die Geduld. Mit quietschenden Reifen rast er an den Spaziergängern vorbei, um an der Kreuzung rechts abzubiegen. Doch die Polizei stellt sich ihm entgegen und hält ihn auf. Sie hat den Applaus auf ihrer Seite.

Der Marsch dauert lange. Fast zwei Stunden. Als ich später im Auto sitze, sind Füße und Hände ziemlich durchgefroren. Aber das Herz ist warm. Und das ist das wichtigste.  

Samstag, 1. Januar 2022

Mit Böllern ins Neue Jahr

 


Böllern ist in diesem Jahr nicht verboten, man kann nur keine kaufen. Noch nicht einmal bei amazon. Zur Begründung führt man nun schon zwei Gründe an: Erstens die Corona-Pandemie und zweitens die Umweltbelastung durch Feinstaub. Wenn man schon zwei Argumente braucht … Die Corona-Dauerbegründung alleine scheint nicht mehr zu überzeugen: Überlastung der Krankenhäuser, die angeblich bald eintretende Triage, die erschöpften Schwestern und Pfleger – viel zu oft mussten diese Argumente nun schon herhalten. Sie haben ihre Kraft verloren. Und so erlebe ich im sonst so beschaulichen Brandenburg, wie sich ein donnernder Böller nach dem anderen bis weit nach Mitternacht durch die Stille schießt. Nie war es so einfach und wirkungsvoll, der Welt seine Wut und seinen Widerstand zu zeigen.

Ich persönlich habe es nicht so mit Böllern. Schließlich habe ich einige Silvester im Hundekörbchen gesessen, um unserem zitternden Hund die Pfote zu halten. Doch diesmal verspüre ich bei jedem Knall eine gewisse Schadenfreude. Es wird Zeit, darauf aufmerksam zu machen, dass wir diese ewige Bevormundung und Fleißkärtchen-Erziehung leid sind, und dass wir alt genug und klug genug sind, für uns selbst die Verantwortung zu tragen.

Freitag, 31. Dezember 2021

Rückblick 2021

 



Für uns Künstler ist es nach wie vor eine schwierige Zeit. Immerhin erlebe ich die Corona-Einschränkungen für mich als aushaltbar. Ich muss ja auch am Schreibtisch keine Maske tragen, fahre sowieso lieber mit dem Auto als mit Bus und Bahn und gehe gar nicht so gerne shoppen. Nur mein Fitnesstraining vermisse ich, und hin und wieder hätte ich gerne ganz entspannt eine Ausstellung besucht. Meinen Kolleginnen und Kollegen aus der Schule allerdings gehört mein größtes Mitgefühl, und den Schülerinnen und Schülern sowieso.

Ich hatte trotz allem ein spannendes Schreibjahr, habe noch einmal ganz andere Dinge ausprobiert und meinem Schreiben eine andere Richtung gegeben. Im kommenden Jahr werden die Ergebnisse erscheinen und ich bin schon megagespannt. Doch auch für die Schule habe ich nach wie vor vieles geschrieben, und auch im Selfpublishing ist einiges weitergeführt worden.

Mein Schreibjahr war also kreativ, wenn auch manchmal unter bedrückenden Umständen.

Für das kommende Jahr habe ich mir vorgenommen, mir die Corona-Nachrichten so weit wie möglich vom Hals zu halten. Es geht mir einfach besser, wenn ich auf die Tagesschau verzichte, die Überschriften des Spiegel vermeide und Karl Lauterbach wegklicke, sobald er seine Weltuntergangsstimmung verbreitet. Dafür werde ich meine Spaziergänge ausdehnen, und wenn mich die Lust auf eine Shoppingtour überkommt zum Einkaufen nach Polen fahren. Da kann man maskenfrei durch Städte und Einkaufszentren bummeln.

Ich wünsche uns, dass wir bald wieder die Freiheit und Solidarität haben, von der wir alle schon viel zu lange träumen.  

Samstag, 18. Dezember 2021

Gedanken zu Weihnachten

 


Eigentlich müsste ich diese Jugendserie, an der ich gerade schreibe, bald zu Ende bringen. Schon jetzt habe ich ein Blick auf das Ende geworfen, habe einen Plan gemacht, wie ich alle Fäden zusammenführe. Doch ich merke, dass ich immer trauriger werde. Diese Personen begleiten mich nun schon so lange und haben neben dieser verrückten coronalastigen Reglementierungsweilt eine ganz eigene Parallelwelt entstehen lassen, eine, in der man sich noch umarmen kann, in der man herumreist, in der man miteinander lacht, frei atmen kann und einander das Gesicht zeigt. Diese Parallelwelt möchte ich noch nicht verlassen. Und so plane ich, die Serie weiter zu scheiben.

Danach geht es mir schlagartig besser.

Ich hoffe, ihr alle da draußen könnt euch über Weihnachten auch ein bisschen von der Dauerbeschallung der Panikmacher befreien und ganz entspannt Weihnachten feiern. Ich wünsche euch wunderschöne besinnliche Festtage.

Freitag, 3. Dezember 2021

Lesung mit Schnellzeichner


Erinnert ihr euch noch an eine dieser Samstag-Abend-Quizshows (war es Wim Thoelke oder Hans-Joachim Kulenkampf?), wo im Laufe des Abends ein Schnellzeichner auftrat und im Blitztempo eine geniale Illustration hinlegte. Oh, da fällt mir ein, ihr könntet etwas jünger als ich sein… Mir jedenfalls hatte das als Kind unglaublich imponiert…

Gestern hatte ich ein ganz besonderes Leseevent an der Erich-Kästner-Schule in Essen. Ich habe nämlich das erste Mal aus dem Buch „Das heimliche Leben des You-Tubers Chryscrank“ gelesen, und weil dieses Buch vor allem auch durch die Illustrationen lebt, war der Illustrator und Schnellzeichner Norbert Höveler mit von der Partie. Norbert Höveler ist Illustrator, Karikaturist und dazu ein begnadeter analoger Schnellzeichner. Ihm gelang genau das, was ich aus der Quizsendung kannte, nämlich parallel zu der Lesung zu zeichnen. Den Schülern und mir hat es sehr imponiert. Gleichzeitig bekamen die Schüler auch einen Eindruck von dieser „Doodle-Lektüre“.

Norbert Höveler und ich waren vor einem Jahr vom Verlag an der Ruhr zusammengebracht worden. Meine Lektüre brauchte einen „schrägen“ Karikaturisten, denn gerade Schülern der Sekundarstufe ist es wichtig, sich von kindlichen Grundschulbildern abzuheben. So haben Norbert und ich zwar viel zusammen gearbeitet, haben miteinander gemailt oder telefoniert, waren uns aber nie begegnet. Jetzt trafen wir auf dem Parkplatz der Schule aufeinander, und wir hatten sofort einen guten Draht zueinander. Die Lesung verlief dann richtig professionell, als seien wir schon seit Jahren ein gutes Team.

Dir, lieber Norbert, an dieser Stelle noch einmal Danke für deine Unterstützung, euch netten Schüler der Klasse 6 einen lieben Dank für das gute Zuhören und die tollen Fragen und dem Lehrerteam, besonders Herrn Bärenreiter, einen herzlichen Dank für die liebe Einladung. Die „Lesungen im Dreierpack“ sind auch

ein ganz besonderes Leseevent.



  

Mittwoch, 24. November 2021

Ponywetter auf der Autobahn

 



Als Pferdebesitzer kennt man dieses „Ponywetter“, ein leichter Wind, ein Kribbeln in der Luft, und schon drehen Pferde durch. Sie sind dann oft schneller, aber auch unruhiger, und man muss schon konzentriert reiten, um auf alle Unberechenbarkeiten vorbereitet zu sein.

Auch als Lehrer kannten wir diese wetterabhängigen Kribbelphasen bei den Schülern. Dann folgte in der Pause ein handgreiflicher Streit dem anderen, und manchmal gab es sogar schlimmere Unfälle.

Ob es so ein Ponywetter auch bei Autofahrern gibt? Gestern war ich zu einer Lesung ins Emsland unterwegs, eine weiter Strecke bis kurz vor die niederländische Grenze. Auf der Hinfahrt geriet ich in zwei Vollsperrungen, weil LKWs ineinander gefahren waren, und weil zeitweise überhaupt nichts mehr ging, kam ich zum ersten Mal in meinem Leben zu spät.

Auf der Rückfahrt das gleiche Spiel: Kurz vor Paderborn verkeilten sich ebenfalls zwei LKWs ineinander, und als ich meinem Navi folgte und abfuhr, raste ein Sattelschlepper an mir vorbei – im Affenzahn auf das Stauende zu. Mit klopfendem Herzen konnte ich aber verfolgen, dass er noch rechtzeitig zum Stehen kam.

Dafür war die Lesung total nett. Die Grundschule in Laar gestaltete die Lesung in ihrer schönen Bücherei. Zu meiner Überraschung gab es in der Klasse auch einige niederländische Schüler (und Lehrer), die in ihrem Alltag zwischen den Ländern hin und her switchten.

Neben der Schule gab es eine wunderschöne Mühle. Die habe ich euch mal fotografiert.

Einen lieben Gruß an die Klassen 3 und 4. Danke für eure tolle Aufmerksamkeit und die klugen Fragen.

Montag, 22. November 2021

Gespräche an Totensonntag


 

Sie beobachtet mich, wie ich über den Friedhof streife, nach dem Grab eines alten Freundes suchen, der irgendwo in der Nähe des Hauptweges liegen soll. Dann fragt sie, ob sie helfen kann. Sie kenne sich hier auf dem Friedhof gut aus, ist nahezu täglich hier. Ich nenne ihr den Namen, und wir suchen eine Weile gemeinsam, finden es aber nicht. Stattdessen landen wir vor den Gräbern ihrer Familie. Zwei schöne Gräber nebeneinander. Auf dem Grab an der linken Seite liegt ihr Mann, wie ich erfahre. Ein schönes Grab, schwarze glänzende Marmorplatte mit weißen Blumen aus Stein, zu Rosen geformt. Dazu frische Blumen in bunten Gestecken. Rechts davon ein Kindergrab mit dem Foto eines kleinen Mädchens, dazu bunte Kugeln, viele Blumen, Kerzen, Kleinigkeiten die darauf hinweisen, dass jemand oft vorbeikommt. Ihre Enkelin, so erklärt sie. 2014 gestorben mit neun Jahren. Autounfall. Das Schicksal hat die Welt aus den Fugen gebracht. Seitdem gibt es Eltern, die nicht darüber hinwegkommen, ihr Kind verloren zu haben, die untröstliche Großmutter, die über ihr einziges Enkelkind trauert, der Großvater, der kurz danach vor Kummer gestorben ist. Wenigstens konnten sie das Nachbargrab für ihn bekommen. Da liegt das Kind nicht so alleine da, sagt sie.
Was für ein kleines trauriges Glück.
Ich höre zu, weiß gar keine Worte, denke mir, dass sie auch schon alles gehört hat, und dass es ja doch die Wunden nicht heilt. Einen Moment stehen wir still da und trauern gemeinsam.
„Damit muss man dann leben“, sagt sie leise. „So viele Jahre nun schon.“
Was der Mensch alles aushalten kann, denke ich.