Freitag, 20. Juli 2012

Veränderte Rollen



Ich habe meinen Vater zu einem Elektromobil überredet. Er ist unsicher, ob er es fahren kann. Aber es fällt ihm leicht. Autofahren verlernt man nicht.
Trotzdem biete ich ihm an, ihn an drei Tagen hintereinander zu besuchen und mit ihm zu üben. Wir fahren durch die Stadt, erkunden die alten Wege nun per Mobil: zum Arzt, zur Apotheke, zur Bank, zu Freunden.
Wie sich die Rollen verändern! Vor langer Zeit brachte er mir bei, ohne Stützräder zu fahren. Er rannte hinter mir her, während ich aufgeregt auf meinem blauen Kinderrad durch die Welt strampelte. Später zeigte er mir und meinen Schwestern das Autofahren, und wir übten mit ihm heimlich auf einsamen Straßen, aufgeregt und mit schlechtem Gewissen.
Jahre danach lief ich hinter den Kinderrädern unserer Kinder her, hektisch und ängstlich zunächst. Kinder sehen zu gerne auf die Fahrbahn vor sich, nicht in die Ferne. Dann starb ich immer tausend Tode, wenn sie in einem Affenzahn auf einen Laternenpfahl zusteuerten.
Auch Beifahrer zu sein, musste ich mühsam lernen. Jungs sind ja gerne flott unterwegs, und meine Nerven lagen oft blank. Führerschein mit 17 ist auf alle Fälle eine tolle Erfindung, aber nichts für Leben liebende Mütter.
Nun begleite ich das Fahren eines Elektromobils. Und eines Tages – vielleicht – hoffentlich – wird auch jemand hinter mir hergehen und mein Fahren wieder begleiten.
Ganz so schnell muss diese Zeit allerdings nicht kommen!  

(Foto: Südkorea)

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