Sonntag, 22. März 2020

Das Leben danach



Ich bin oft in Gefängnissen zu Besuch, manchmal zu Schreibwerkstätten, manchmal zu Lesungen, und einmal auch über einen längeren Zeitraum, in dem ich mit Jugendlichen zusammen an einem Buch gearbeitet habe. Die Gefängnisse, in denen ich war, waren sehr unterschiedlich. Manchmal war ich im offenen Vollzug, wo die Gefangenen tagsüber arbeiten oder zur Schule konnten, häufiger aber war ich im geschlossenen Vollzug, wo nichts mehr nach draußen möglich war. Die Gefangenen waren dort auf ihre Zellengenossen oder auf die Gruppe angewiesen, auf die sie stundenweise trafen, wenn sie auf dem Flur Freizeit hatten oder nach draußen auf den Hof durften.  
Auch die Gefängnisse waren sehr unterschiedlich, vom echten mittelalterlichen Backsteinknast bis hin zum modernen videoüberwachten Betonklotz. Überall bemühte man sich um gemütliche Ecken mit Bildern, Blumen und Sofas, doch sie konnten nicht über die deprimierende und aggressive Stimmung hinwegtäuschen, die überall herrschte. Es war, als wenn man versuchte, einen Kellerraum gemütlich zu machen. 
Wenn ich nach so einem Tag wieder durch die Schleuse durfte, vorbei an den Polizisten und dem Wachpersonal bis zum Pförtner, meinen Pass und mein Handy wieder ausgehändigt bekam und auf die Straße trat, hatte ich immer das Gefühl, dass die Sonne heller, der Himmel blauer und die Blumen bunter leuchteten. Dann wurde mir immer klar, dass das höchste Gut des Menschen die Freiheit ist.

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