Freitag, 18. Oktober 2019

Das Private im Zugabteil


CO² hin oder her, Klima, ja oder nein, ich gestehe, dass aus mir leider wohl nie ein überzeugter Bahnfahrer wird. Das ist mir gestern auf der langen Bahnstrecke zur Buchmesse nach Frankfurt noch einmal klar geworden.  Im Prinzip ist es ja viel chilliger, im Zugabteil zu sitzen und ein Buch zu lesen oder die Welt an sich vorüber ziehen zu lassen. Eigentlich. Jedenfalls wenn man nicht mit Bahnverspätungen oder Gleisverschiebungen zu rechnen hat.
Gestern ging bei mir bahnmäßig alles glatt … aber trotzdem: Chillig sieht anders aus. Das liegt vor allem daran, dass man so viele so seltsame Menschen um sich herum akzeptieren muss, mit denen man eigentlich nicht in einem Raum sein möchte. Die Abteile des ICEs sind meist bis auf den letzten Platz besetzt. Jeder sitzt ziemlich eng neben jedem, und trotzdem tut jeder so, als befinde er ganz privat auf einer Insel. Der Mann neben mir schnarchte laut, der Mann mir gegenüber telefonierte sehr persönlich und wortgewaltig. Eine Frau schminkte sich die Wimpern und feilte sich anschließend die Nägel. (Freundlicher Weise schnitt sie sich nicht noch die Fußnägel, ich hatte schon Angst.) Und dann aß die Frau auf der anderen Seite von mir eine Banane. Eine ziemlich braune, ziemlich nach Banane riechende Banane. Anschließend wusste sie nicht, wohin mit der Schale und quetschte sie in das Netz vor sich, wo sie erbarmungslos weiter nach Banane roch.
Okay, ich hätte jetzt Kopfhörer aufsetzen und in eine Parallelwelt abdriften können, aber warum muss ich abtauchen? Warum kann sich die Welt um mich herum sich nicht einfach normal benehmen? Niemand käme bei einer persönlichen Begegnung auf die Idee, sich die Nägel zu feilen oder eine Banane zu essen? Warum macht man das immer in der Bahn.
Ich jedenfalls dachte sehnsüchtig an meine Autofahrten, Kaffeeduft statt Banane und flotte Mukke statt Nagelschrappen. Sein wir mal ehrlich: Das isses!

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