Montag, 12. Oktober 2015

Vergessene Erinnerungen


Sein Blick ist unsicher. „Ich will mal meinen Lebenslauf aufschreiben“, sagt er zu mir. „Oder findest du das Quatsch?“
„Das ist sogar eine richtig gute Idee“, erwidere ich.
„Ich habe nämlich in meinem Schreibtisch einen alten Lebenslauf gefunden“, vertraut er mir an. „Aber er ist nicht vollständig.“
Er zieht einen Lebenslauf hervor. 1972, mit Schreibmaschine geschrieben.
„Da habe ich erst mal erfahren, ich bin ja in Minden gewesen“, sagt er.
Mir kriecht ein Schauer über den Rücken.
Eigentlich sagt man immer, dass man sich an das, was lange zurück liegt, noch erinnert, aber wenn die Dinge erst gerade geschehen sind, weiß man sie nicht mehr. Ich kann das nicht bestätigen. Was vergessen oder behalten wird, erscheint mir so zufällig. Zunächst glaubte ich noch Regeln zu erkennen, dachte, dass er das in Erinnerung behält, zu dem er eine emotionale Beziehung hat. Aber nun bin ich mir noch nicht mal dabei sicher. Die Erinnerung erlischt zufällig, unweigerlich, unkontrollierbar.
Er beobachtet mich genau. Unsicher, ob seine Fragen an mich komisch sind.
„Wir haben doch früher in Minden gewohnt“, erinnere ich ihn. „Weißt du das nicht mehr.“
„Doch, doch“, sagt er. „Aber wie bin ich denn dahin gekommen?“
„Du hattest dich dort beworben. Deine erste Lehrerstelle, weißt du noch? Wir sind dann alle dahin gezogen.“
Ich nenne Kollegen, beschreibe unser Familienhaus, die Straße, in der wir gewohnt haben, die Schulen, die Stadt. Die Erinnerungen scheinen wieder zu kommen. Er fügt Kollegen hinzu, erinnert sich an Besuche, Begegnungen.
Jetzt ist der Blick lebendig. Erleichtert sieht er aus. Vergnügt.
„Dann bin ich also in Minden gewesen“, sagt er. „Ich frage mich nur: Wie bin ich da eigentlich hingekommen?“

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