Sonntag, 17. Januar 2016

Der geschenkte Tag


Es ist alles so schnell gegangen. Ein unglücklicher Sturz, Krankenhaus, Kurzzeitpflege und schließlich das gefürchtete  Altersheim. Es ist ein schönes Haus mit liebevoller Versorgung, und doch kann er sich nicht wirklich abfinden.
Ich schenke ihm einen Urlaubstag in seinem Haus. Verwandte und Bekannte warnen mich: Mach das bloß nicht – nachher will er nicht zurück.
Ich bespreche das mit ihm. Klartext können wir immer miteinander reden, das liebe ich so an ihm. Er versichert mir, nicht in Tränen auszubrechen, wenn es abends ins Altersheim zurückgeht.
Es ist ein großes logistisches Problem für mich, ihn und den Rollstuhl zu transportieren. Als wir vor seinem Haus ankommen, ist er zu Tränen gerührt.
„Dass ich das noch mal wieder sehe“, sagt er.
Mit seinem Sessellift fährt er langsam durch das Treppenhaus, betrachtet die Bilder an den Wänden, die er so liebt. Dann muss er den langen Flur entlang gehen und in jedes Zimmer schauen.
„Verausgabe dich nicht“, warne ich ihn. „Du bist wackelig auf den Beinen. Und die Wege sind lang.“
Auf dem Weg zum Wohnzimmer passiert es dann. Er ruft, fällt nach hinten. Ich versuche, ihn aufzufangen, doch er ist schwer. Immerhin verhindere ich, dass er sich verletzt hat. Aber dann liegt er da, und alle Versuche, ihn hochzuziehen, misslingen.
„Das schaffst du nicht“, entmutig er mich immer gleich, wenn ich an ihm ziehe.
Und dann gelingt es uns doch, gemeinsam und mit ganz viel Einsatz. Aber irgendwie müssen sich meine sechs Jahre Kraftstudio doch auch bezahlt machen.
Nach dem Essen schläft er in seinem Sessel ein, während ich mich durch die Bücherei meiner Mutter lese.
Als ich ihn zurückbringe, ist er dankbar für den Tag, aber auch dankbar dafür, dass er dort, wo er jetzt lebt, gut aufgehoben ist. Und ich verspreche, ihm immer mal wieder einen Urlaubstag zu Hause zu schenken.

Kommentare:

  1. Oh, das ist ein schönes Erlebnis. Ich freue mich sehr, dass er im Kopf noch so klar sein kann.

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  2. Liebe Annette,
    wie gut, dass er ab und zu einen Urlaubstag zu Hause verbringen kann und auch, dass es ihm bewusste geworden ist, dass er gut aufgehoben ist da, wo er nun lebt.
    Meine Mutter wird 84, sie lebt noch allein in ihrer kleinen Wohnung und macht fast alles noch selbst. Aber sie wird auch unsicherer mit dem Gehen und ist auch schon einige Male gestürzt. Das macht mir und meinen GEschwistern auch ab und zu Sorgen und so haben wir einen Plan gemacht, wer sich wann kümmert. Das funktioniert ganz gut, da wir alle in der Nähe leben.
    Liebe Grüße
    REgina

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