Donnerstag, 7. September 2017

Akademiker



Ärzte legen immer einen besonders großen Wert auf ihren Titel. Darum achte auch ich bei der Anmeldung darauf, dass mein Dr-Titel mit in die Kartei aufgenommen wird.
Der Arzt ist aufmerksam. Er versucht, mich in ein medizinisches Gespräch zu verwickeln, erkennt aber schnell, dass ich passen muss.
„Ich bin kein Mediziner“, sagte ich.
Es folgt ein mitleidiger Blick.
„Immerhin Akademiker“, sagt er anerkennend. „Die Politiker sind ja leider immer weniger Akademiker, und das merkt man auch.“
Schulz zum Beispiel fällt ihm ein. Der habe letzthin Homer ganz falsch zitiert. Da merke man doch, dass der noch nie ein Buch gelesen habe.
„Ich denke, der war Buchhändler“, bemerke ich verwundert.
Aber auch da habe ich offensichtlich keine Ahnung. Der Arzt weiß es besser. Seine Schwester war Buchhändlerin und er habe dort nur ausgeholfen, erfahre ich jetzt. Und Alkoholiker sei er auch gewesen.
„Ach wissen Sie, ich finde Menschen immer viel interessanter, bei denen nicht alles glatt gelaufen ist“, sage ich. „Brüche im Leben sind doch spannend. Und wenn jemand eine schwere Lebenskrise bewältigt hat, ist das doch sehr anerkennenswert. Akademiker mit Akademiker-Eltern, möglichst noch gut betucht, das kann ja jeder“
Dem hat er nichts mehr hinzuzufügen.
Ich überlege, ob ich noch hinzufüge: „Schließlich bin ich Schriftsteller“, aber ich verkneife es mir. Sonst kommt er noch auf die Idee, mich Homer korrekt zitieren zu lassen. 

Kommentare:

  1. „Akademiker mit Akademiker-Eltern, möglichst noch gut betucht, das kann ja jeder.“ Nee, das stimmt nicht immer, diese Kinder haben zwar eine bessere materielle Ausgangsposition, aber sie werden oft auch mit hohen (überhöhten) Erwartungen erdrückt.

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    1. Natürlich hast du recht. Aber ich wollte dem Arzt einfach was entgegensetzen. Ich finde sowieso, dass man das nie so einfach sehen kann.

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