Mittwoch, 4. April 2018

Die Pädagogisierung des Kinderbuches



Sehe nur ich das so, oder ist die Belletristik für Erwachsene irgendwie gruseliger, sadistischer, dramatischer und satirischer geworden? Ein Krimi, in dem ein Detektiv ermittelt und durch logische Schlussfolgerungen den Täter findet, ist so antiquiert, dass er schon fast Kult ist. Heute geht nichts mehr über einen Serienmörder, der in akribischer Sorgfältigkeit seinem Opfer bei lebendigem Leib das Herz aussticht, um es den Göttern zu opfern, oder einen Killer, der regelmäßig bei Vollmond jungen asiatischen Prostituierten auflauert, sie bestialisch ermordet und ihren Leichnam den Geiern zum Fraß vorwirft.
Im gleichen Zeitraum, wie die Erwachsenenliteratur grausiger und sadistischer wurde, fordern diese Erwachsenen eine reine, kindliche und pädagogisch einwandfreie Kinder- und Jugendliteratur. Vorbei ist die Zeit, in der fünf Freunde einfach so in ein Abenteuer zogen, in dem sie gefangen genommen wurden, ja, sich sogar eine Waffe auf ihre Schläfe richtete. Plötzlich mischten sich die Erwachsenen ein, überwachten die Kinderbücher helikoptermäßig und fragten nach: Hat das Kind eigentlich den warmen Anorak angezogen? Hat es sich auch die Zähne nach dem Essen geputzt? Und vor allem: Hat es auch seiner Mutter Bescheid gesagt?
Wir Kinderbuchautoren bemühten uns in unseren Bücher um Spannung, die natürlich nur geschehen kann, wenn ein Kind seine eigenen Ideen durchsetzt, wenn es seiner eigenen Intuition und Logik folgt, wenn es nicht immer auf den klugen Rat der Erwachsenen hört, sondern ganz eigene Risiken eingeht. Doch wenn man darüber erzählt, wird man sofort abgemahnt: Was, wenn das Kind das nachmacht?
Plötzlich werden wir Autoren kritisch beäugt. Machen wir uns nicht schuldig an diesem bösen Leben, dem das Kind Tag für Tag ausgesetzt ist? Tragen wir nicht die Verantwortung dafür, dass ein Kind von dem Weg abkommt, den wir Erwachsenen uns wünschen?
Und parallel dazu fragen wir Autoren uns: Wie sollen wir denn eigentlich ein spannendes Buch schreiben, wenn der Protagonist sich plötzlich so strebermäßig korrekt verhalten soll? Dann hat sich ein Abenteuerbuch doch irgendwie von selbst erledigt, oder?

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