Samstag, 25. Januar 2014

Lesung in Salzgitter




In Salzgitter hatte es die ganze Nacht geschneit. War ich froh, dass ich schon einen Tag vorher angereist war. Die 16 Kilometer vom Hotel zu Schule waren abenteuerlich genug.
In der schönen hellen Stadtteilbücherei im Schulzentrum Fredenberg erwartete mich die Bibliothekarin im Eingangsbereich. Sie stand unter einen großen „Herzlich willkommen“- Schild und war sofort an ihrem Strahlen zu erkennen. So nett wie der Empfang war dann auch die Betreuung – mit Kaffee und Brötchen in der Pause.
Die ersten Klassen die kamen, waren aus der 5. und 6. Jahrgangsstufe der Hauptschule. Ich hatte mich entschieden, ihnen Teile aus dem Chatbuch vorzulesen, und es kam unglaublich gut bei ihnen an. Sie saßen total still auf ihren Stühlen und starrten mich gebannt an. 
 

Danach hatte ich eine längere Pause. Ich war gerade dabei, meine Bücher neu zu ordnen, da stürmten fünf Mädels die Bücherei.
„Nein, heute geht es nicht“, erklärte die Bibliothekarin. „Wir haben doch heute eine Lesung.“ Aber die Mädels winkten ab. Sie wollten zu mir. Sie hatten auf einem Zettel ihrer Lehrerin gelesen, dass ich heute in der Bibo zu Gast war und hatten beschlossen, mich kennen zu lernen.
Das war eine echte Überraschung. Wir plauderten gemütlich und ließen dann noch ein Foto zur Erinnerung machen.


Und noch eine weitere Überraschung gab es. Der Autor Hartmut El Kurdi kam vorbei. Er war ebenfalls zu Lesungen in anderen Stadtteilen eingeladen und wollte mal vorbei schauen. Das fand ich zu nett. Man hat oft so wenig Gelegenheit, andere Autoren kennen zu lernen.
Nach der Pause kam dann noch eine 5. Klasse des Gymnasiums. Ein schöner Abschluss.

Donnerstag, 23. Januar 2014

Begegnungen in Bargteheide



Kinder, wenn ihr wüsstet, was mir immer so auf Lesungen passiert. Manchmal frage ich mich, wie ich das verdient habe.
Die Schüler an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in Bargteheide hatten in allen 7. Schuljahren mein Buch „Im Chat war er noch so süß“ gelesen und waren nun interessiert daran, mich kennen zu lernen. Sie waren total aufmerksam bei der Lesung. Aber das war nicht alles. Es gab auch so einige Überraschungen für mich.


Da war zum Beispiel die 7 c, die eine Szene aus dem Buch „Im Chat war er noch so süß“ vorstellte und damit perfekt in die Lesung einführte. Es war, wie ich von der Klassenlehrerin erfuhr, die eigene Idee und Initiative der Klasse gewesen. 


Ein unglaubliches Geschenk bekam ich aber von Nils, dem Schüler oben rechts auf dem Foto. Er hatte eine Szene aus dem Chatbuch als Modell nachgebaut, hatte Häuser, Wald und U-Bahn-Station rekonstruiert und in einem Karton nach gebaut, den er dann wiederum als übergroßes Buch dargestellt hatte. Schwer zu beschreiben – schaut selbst! Wahnsinn, oder? Dieses ungewöhnliche Geschenk wird einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer bekommen.


Auch andere Aktionen wie Filme und Comics sind noch geplant. Ich bin total gerührt!!!
Schön waren aber auch die lieben Gespräche, die aufmerksamen Gesichter, die interessierten Fragen. Das war bestimmt nicht mein letzter Besuch in Bargteheide!!!

Dienstag, 21. Januar 2014

Ein letztes Wiedersehen




Es hatte doch alles so gut ausgesehen. Sie war so zuversichtlich gewesen, bei ihrem Weg gegen die Krankheit. Dass sie plötzlich im Hospiz liegt, kann ich gar nicht fassen.
Ich bin froh, dass sie mich sehen will. Sie freut sich auf dich, sagt ihr Mann.
Als ich in ihr Zimmer trete, ist mir eng ums Herz. Sie sitzt im Sessel und hat auf mich gewartet. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie immer – oder doch nicht ganz. Der Hals ist angeschwollen. Der Blick ist müde. Die Stimme heiser.
Sie habe nicht viel Kraft zu sprechen, sagt sie. Aber dann muss sie doch einiges erzählen. Dass sie gut Abschied nehmen kann. Dass sie weiß, dass das nicht das Ende ist. Dass es danach weiter geht mit einer anderen Aufgabe. Es tut ihr Leid, dass sie uns zurück lassen muss. Besonders ihren Mann und die Kinder. Aber sie hat versucht, zu bleiben. Es sollte nicht sein. Jetzt hat sie alles besprochen und geklärt, was noch offen war. Und nun hofft sie, dass das Ende schnell kommt und dass sie keine Schmerzen hat.
Sie hadert noch mit den Menschen, die ihr sagen, sie hätte vielleicht doch die Chemo machen sollen, sie hätte die Bestrahlung nicht abbrechen sollen, sie hätte nicht nach Alternativen suchen sollen. Jetzt wird sie noch mal ganz ärgerlich. Aber auf mich muss sie es nicht sein. Ich bin auf ihrer Seite. Ich habe sie für ihre Klarheit bewundert. Und wahrscheinlich wäre ich diesen Weg auch gegangen.
Nach zehn Minuten ist die Kraft zu erzählen vorbei. Sie muss sich hinlegen.
„Ich kann nicht mehr reden“, sagt sie. „Erzähl du mal was.“
Was soll ich sagen? Ich bin doch gekommen, um zuzuhören.
Ich erzähle ihr, was sie mir bedeutet, was ich durch sie gelernt habe, wie mein Leben durch die Begegnung mit ihr bereichert wurde. Sie lächelt.
Nach einer Weile schließt sie die Augen. Ich weiß, ich muss mich jetzt verabschieden. Das ist ein schwerer Moment.
 „Melde dich, wenn du mich brauchst“, sagt sie. „Dann bin ich von der anderen Seite des Lebens für dich da.“
Wir umarmen einander ganz fest. Und dann gehe ich.
Draußen schlägt mir kalter Nieselregen entgegen.

Montag, 20. Januar 2014

Vorher – Nachher




Heute beim Zahnarzt hatte ich endlich mal wieder die Gelegenheit, in einer dieser Frauenzeitschriften zu blättern. Zu meiner großen Freude gibt es immer noch diese Rubrik vorher - nachher. Vorher glatte Haare, jetzt Locken, vorher rotes Kleid, jetzt braune Hose, vorher dick, jetzt schlank.
Dabei fällt mir eine Szene wieder ein, die mich im Wartezimmer auch im Angesicht des kreischenden Bohrers lachen lässt. Mehr als 20 Jahre ist es jetzt her, da verbrachte ich einige Zeit mit unserem jüngsten Kind im Krankenhaus. Die Lage war ernst und traurig, die Zeit verging so unendlich langsam, dass sie sogar von einer Schnecke überholt werden konnte. Mein einziger Lichtblick war der Abend. Im Kinderspielzimmer traf ich immer auf eine Frau in meinem Alter, die in einer ähnlichen Lage war wie ich. Wir saßen bei Tee zusammen und unterhielten uns, und auch wenn wir beide einen Stein auf der Brust mit uns herum trugen, lachten wir viel miteinander. Diese Frau hatte eine Zeitlang als Redakteurin bei der Zeitschrift Brigitte in Hamburg gearbeitet.
„Kannst du mir mal sagen, wie ihr das bei dieser Vorher-Nachher-Reportage macht?“, fragte ich sie. „Wie ist es möglich, dass so zentnerschwere Frauen nach einigen Wochen plötzlich wie schlanke Grazien aussehen.“
Sie grinste. „Ich verrate dir mal ein Geheimnis“, meinte sie. „Wir machen das immer umgekehrt. Wir suchen uns schlanken Frauen für die Fotoreportage und dann mästen wir sie.“

Sonntag, 19. Januar 2014

Tanzen, tanzen




„Und nun geht es gleich weiter“, ruft der Tanzlehrer. Die Alten seufzen und trinken noch einen Schluck Wasser. Aber ihre Augen leuchten.
Der eine Tanzlehrer zwinkert mir zu, der andere wirft die Anlage wieder an. Es sind zwei süße Typen, beide um die 20. Der eine mit Wuschelhaaren, der andere mit Mütze auf dem Kopf.  Echte Freaks irgendwie. Dass sie diese Tanzveranstaltungen kostenlos und ehrenamtlich bei der Altenhilfe machen, kann ich kaum fassen.
Mein Vater freut sich unglaublich auf diese Nachmittage.
„Die bringen uns ganz gut in Schwung“, sagt er.
Vor dem Tanznachmittag besteht mein Vater immer darauf, ordentlich rasiert zu werden. Dann legt er Rasierwasser auf und zieht sich frische Kleidung an.
„Sonst fordert mich ja keiner auf“, sagt er.
An diesem Mittwoch hat er dreimal getanzt. Mal mit einer Pflegerin, mal mit anderen alten Ladys. Dass das Tanzen immer noch klappt, obwohl er oft so schlecht gehen kann, überrascht mich sehr.
„Wir tanzen doch immer Walzer“, erklärt er. „Da dreht man sich doch von einem Bein auf das andere, das schaffe ich noch. Es darf sich nur keiner zu sehr an mir festhalten.“
Wie total lieb, dass Menschen ihre Fähigkeiten und ihre Freizeit zur Verfügung stellen, um anderen so eine Freude zu bereiten.