Dienstag, 21. Januar 2014

Ein letztes Wiedersehen




Es hatte doch alles so gut ausgesehen. Sie war so zuversichtlich gewesen, bei ihrem Weg gegen die Krankheit. Dass sie plötzlich im Hospiz liegt, kann ich gar nicht fassen.
Ich bin froh, dass sie mich sehen will. Sie freut sich auf dich, sagt ihr Mann.
Als ich in ihr Zimmer trete, ist mir eng ums Herz. Sie sitzt im Sessel und hat auf mich gewartet. Auf den ersten Blick sieht sie aus wie immer – oder doch nicht ganz. Der Hals ist angeschwollen. Der Blick ist müde. Die Stimme heiser.
Sie habe nicht viel Kraft zu sprechen, sagt sie. Aber dann muss sie doch einiges erzählen. Dass sie gut Abschied nehmen kann. Dass sie weiß, dass das nicht das Ende ist. Dass es danach weiter geht mit einer anderen Aufgabe. Es tut ihr Leid, dass sie uns zurück lassen muss. Besonders ihren Mann und die Kinder. Aber sie hat versucht, zu bleiben. Es sollte nicht sein. Jetzt hat sie alles besprochen und geklärt, was noch offen war. Und nun hofft sie, dass das Ende schnell kommt und dass sie keine Schmerzen hat.
Sie hadert noch mit den Menschen, die ihr sagen, sie hätte vielleicht doch die Chemo machen sollen, sie hätte die Bestrahlung nicht abbrechen sollen, sie hätte nicht nach Alternativen suchen sollen. Jetzt wird sie noch mal ganz ärgerlich. Aber auf mich muss sie es nicht sein. Ich bin auf ihrer Seite. Ich habe sie für ihre Klarheit bewundert. Und wahrscheinlich wäre ich diesen Weg auch gegangen.
Nach zehn Minuten ist die Kraft zu erzählen vorbei. Sie muss sich hinlegen.
„Ich kann nicht mehr reden“, sagt sie. „Erzähl du mal was.“
Was soll ich sagen? Ich bin doch gekommen, um zuzuhören.
Ich erzähle ihr, was sie mir bedeutet, was ich durch sie gelernt habe, wie mein Leben durch die Begegnung mit ihr bereichert wurde. Sie lächelt.
Nach einer Weile schließt sie die Augen. Ich weiß, ich muss mich jetzt verabschieden. Das ist ein schwerer Moment.
 „Melde dich, wenn du mich brauchst“, sagt sie. „Dann bin ich von der anderen Seite des Lebens für dich da.“
Wir umarmen einander ganz fest. Und dann gehe ich.
Draußen schlägt mir kalter Nieselregen entgegen.

Kommentare:

  1. Ich habe den Tag mit Weinen begonnen. Nun schliesse ich ihn auch mit Tränen ab.
    Wie schmerzhaft, wie versöhnlich aber auch!
    Danke dir fürs Mitnehmen in diesen unendlich zarten Schwellenmoment.
    Gabriela

    AntwortenLöschen
  2. Abschied nehmen fällt meistens schwer... aber an sich ist es auch gut, wenn man bewusst abschließen kann, bevor man gehen muss.
    Ich wünsche ihrer Familie alles Gute, die sie noch lange vermissen wird!

    AntwortenLöschen