Dienstag, 11. Oktober 2016

Ein Nachruf


Das letzte schöne Geschenk, was ich ihm noch machen kann, ist, ihm einen Nachruf zu schreiben. Ich frage bei der Zeitung nach. Die Antwort ist eher reserviert. Man spricht mir herzliches Beileid aus. Aber ein Nachruf?
War Ihr Vater denn ein Funktionsträger in der Stadt? Ansonsten könnte man ja jeden Tag seitenweise Nachrufe auf irgendwelche Verstorbenen veröffentlichen, heißt es.
Ups – das ist jetzt nicht so feinfühlig. Aber ich kann es verstehen. Es ist ja nicht üblich, dass eine Tochter einen Nachruf auf ihren Vater schreibt. Da hat man Angst vor persönlichen Gefühlsduseleien.
Ich teile der Redaktion mit, dass mein Vater Studiendirektor am örtlichen Gymnasium war und zahlreiche Schülergenerationen zum Abitur geführt hat und dass es durchaus üblich ist, einem Studiendirektor einen Nachruf zu schreiben. Ich erwähne außerdem, dass ich beruflich schreibe, und es mir darum leicht fällt, einen Artikel zu schreiben, ich der Redaktion außerdem gerne die Recherche ersparen möchte. Und dann füge ich den Nachruf einfach als Attachement an – zusammen mit einem Foto. Das scheint dann doch zu überzeugen, aus welchen Gründen auch immer. Der Text erscheint heute in der Tageszeitung.
Mein letzter Gruß… 


Wer den Nachruf noch lesen möchte: Hier ist er. 

Nachruf von Wilhelm Weber

Er galt als Lehrer, der unverwechselbar war in seinem manchmal etwas schrägen Humor, seinen klaren Worten, seiner freundlichen Gerechtigkeit und seiner Fähigkeit, auch mal über sich selbst zu lachen.
Wilhelm Weber war fast 20 Jahre lang als Studiendirektor am Marianne-Weber-Gymnasium in Lemgo tätig und unterrichtete dort die Fächer Mathematik und Physik. Immer war er auch als Klassenlehrer in der Oberstufe eingesetzt und führte auf die Weise zahlreiche Schüler zum Abitur.
Geboren und aufgewachsen war der markante Pädagoge in Lemgo in der Kluskampstraße, in der er mit seinen Eltern und seiner Schwester lebte. Auch wenn seine Kindheit nicht immer einfach war, erinnerte er sich doch an viele lustige und unbeschwerte Momente. Nach der Schulzeit wurde er noch kurz vor Ende des Krieges zum Militärdienst einberufen und geriet in Kriegsgefangenschaft. Nach der Entlassung zog der zum Studium nach Kiel, wo er das Lehramt für Gymnasien studierte. Er erhielt seine erste Stelle als Studienassessor in Minden und lebte hier mit seiner Frau und seinen drei Töchtern fast 16 Jahre lang. Doch stets blieb es sein Wunsch, eines Tages wieder nach Lippe zurück zu kehren, denn „einen Lipper zieht es immer in die Heimat zurück.“ So bewarb er sich als Studiendirektor am Marianne-Weber-Gymnasium und zog mit seiner Familie wieder nach Lemgo.
Seinen Schülern blieben viele anschauliche und treffende Sprüche in Erinnerung, mit denen er seinen naturwissenschaftlichen Unterricht würzte, wie z.B.: „Das Elektron verhält sich genauso wie ein Schüler. Es sucht sich immer den bequemsten Weg.“ Und wenn eine Klasse mal komplett aus dem Ruder geriet und man in der Konferenz beschloss: „Da muss jetzt aber mal ein Mann rein – am besten der Weber“, dann schaffte er es innerhalb von kurzer Zeit, mit der Schülertruppe klar zu kommen.
Auch nach seiner Pensionierung war Wilhelm Weber nicht untätig. Er ging oft auf Reisen, malte gerne oder genoss die freie Zeit in Vereinen und im Garten.
Zuletzt wurde sein Gesundheitszustand immer beschwerlicher, sodass er das letzte Jahr im Seniorenheim am Schloss in Brake verbrachte, wo er im Kreise seiner Familie im Alter von 91 Jahren starb.
Er wird vielen eindrücklich in Erinnerung bleiben. 

Kommentare:

  1. Den Nachruf hätte ich gerne gelesen, aber Sie haben ihn leider nicht verlinkt. “ Ein Vater wie er, aber mit einer etwas feinfühligeren Seite wäre der absolut perfekte Typ gewesen.“ Ja, so einen alles verstehenden Vater hätte ich mir auch gewünscht. Mein Vater ist schon vor meiner Geburt gestorben. Ich kannte nur die Väter meiner Freundinnen, die waren sehr autoritär und ohne Empathie. So, wie Sie sich immer über ihren Vater geäußert haben, so sympathisch, ja so einen Vater habe ich mir auch gewünscht. In meiner Pubertät habe ich mir gedanklich einen gebastelt. Liebevoll und verstehend. Wahrscheinlich ein Übermensch.
    Seien Sie froh, dass Sie so einen Vater gehabt haben, den Sie lieben konnten und der Sie geliebt hat. In Ihrer Erinnerung wird er weiter leben und nicht vergessen sein.

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    1. Ja, das bin ich auch. Ich hätte den Nachruf gerne verlinkt, aber er stand nicht im digitalen Teil der Zeitung, und ich mochte ihn jetzt nicht einfach so einscannen.
      Danke für Ihre liebe Rückmeldung. Wie traurig für Sie, dass Sie Ihren Vater nicht kennen lernen durften. Bestimmt war er sehr liebenswert.

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  2. Jetzt habe ich den Nachruf auch noch eingefügt - für alle, die ihn lesen möchten.

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