Montag, 24. Oktober 2016

Schwesterntreffen


Es ist ein bisschen wie früher, als wir noch um den großen Esszimmertisch saßen und die Hausaufgaben machten. Dabei ist weder das Haus, noch der Esszimmertisch ein Teil aus der Kindheit. Aber es ist diese Art, wie meine Schwester leise in Selbstgesprächen versunken ist, die andere Schwester schwungvoll ihre Zeilen schreibt, und ich, wie ich Mühe habe, mich zwischen den beiden zu konzentrieren.
Zusammen beantworten wir die Trauerpost. Viele Briefe sind gekommen. Dann stehen noch so viele Formalitäten an.
Immer wieder schauen Besucher vorbei, haben unsere Autos vor dem Haus gesehen. Wir begrüßen sie freundlich, aber kurz. Heute haben wir geschlossene Gesellschaft. Die Zeit ist kostbar. So oft können wir nicht zusammenkommen.
Jeder hat etwas Leckeres zu essen mitgebracht. Wir trinken Kaffee, erzählen, zögern den Moment hinaus, der heute ansteht. Irgendwann müssen wir eine Bestandsaufnahme machen, müssen Schränke öffnen, Dinge anschauen, beraten und verteilen. Vor diesem Augenblick fürchten wir uns ein wenig. Die Ganzheit wird plötzlich aufgebrochen. Der Moment geht verloren, an dem dieses Haus das Haus unseres Vaters war. Das tut weh.
Wir gehen gemeinsam durchs Haus, betrachten die Möbel, die vielen Bilder, das Geschirr, die Bücher, die zahlreichen kleinen Erinnerungen.
Und dann beginnt jemand: „Sagt mal, könnte ich vielleicht diesen Wohnzimmerschrank bekommen? Er erinnert mich an Minden.“ „Ich würde gerne das Klavier haben.“ „Hat jemand an der Truhe auf dem Flur Interesse? Sonst würde ich sie gerne nehmen.“
Es ist so schön, dass alles so einfach geht.  Jeder hat eine andere Erinnerung, jeder einen anderen Geschmack. Gleichzeitig hat niemand sein Herz an ein ganz besonders Möbelstück gehängt. Und jeder freut sich für den anderen.
Wir gehen, reden, lassen alles unberührt. Und doch können wir uns plötzlich vorstellen, dass es anders werden kann. Besonders dann, wenn die Dinge in gute Hände kommen.

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