Sonntag, 5. Dezember 2010

Das Schreiben trägt alles

Eine lange Zeit über habe ich eine gestaltpädagogische Ausbildung gemacht, die viel Selbsterfahrung beinhaltet. In dieser Gruppe haben wir hin und wieder Lebensabschnitte in Bildern dargestellt.
Einmal im Jahr treffe ich mich mit den Menschen wieder, die mich in dieser Ausbildungsgruppe begleitet haben. Es ist wie ein intensives Familientreffen, denn wir kennen uns alle schon so lange und gut.

Vor etwa 10 Jahren trafen wir uns in einer größeren Runde und malten wieder ein Lebenspanorama, ein Bild, das eine bestimmte Lebenszeit in Symbolen und Farben darstellt.
Dieses Bild fiel mir gestern beim Aufräumen plötzlich in die Hände. Ich setzte mich auf den Boden meines Arbeitszimmers und betrachtete es lange. Die Erinnerungen waren sofort wieder da.
Die Geburt meiner Kinder hatte ich als Sonnen gemalt, dann wilde Blitze für die Zeit, in der unser Jüngster erkrankte und mehrmals operiert werden musste. Der Tod meiner Mutter war auf dem Bild als lange dunkle Zeit dargestellt, außerdem der bewegte Familien- und Schulalltag.
Und ganz unten, unter all dem bunten Chaos verlief eine bewegte rosa Linie, mal dicker, mal dünner, schwungvoll und leicht.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich mein Bild in die Mitte legte und der Gruppe die einzelnen Symbole und ihre Bedeutungen erklärte und von mir erzählte.
"Und das hier", sagte ich dann und deutete auf die rosa Linie, "ist mein Schreiben. Es ist immer da, mal mehr, mal weniger, aber es hat immer Platz in meinem Leben."
Die anderen sahen nachdenklich auf mein Bild.
"Das Schreiben trägt alles", sagte Barbara.

Kommentare:

  1. Liebe Annette,

    danke für diesen Beitrag.
    Im Moment wäre mein Bild voll von Blitzen und dunklen Schatten. Aber es stimmt. Ganz unten verläuft eine lange Linie, bei dir rosa, bei mir wäre sie vielleicht gelb oder orange. Und das ist das Schreiben, das alles trägt und auch erträgt.
    Hätte ich das Schreiben nicht, ich hätte in den letzten Tagen so manches Mal aufgegeben. Aber so geht es immer irgendwie weiter, wie eben beim Schreiben auch. Ich muss da mal drüber nachdenken und greife das Thema evtl in einem eigenen Blogbeitrag auf.
    Danke und einen schönen zweiten Advent.

    Jutta

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  2. Dieser faden würde in meinem Lebensbild wohl auch erscheinen, obwohl ich ja gar nicht wirklich schreibe, so richtig. Aber immer, wenn etwas blockiert oder sich als grosse Frage auftürmt, immer, wenn das Wasser zum Hals steigt oder der Alltag zu Wüste wird, hilft mir das Schreiben dabei, um mich zu blicken und ruhiger zu werden.
    Ich hätte den Tod unserer Tochter wohl nicht überlebt ohne das Schreiben. Die Farbe meines Fadens wäre allerdings dunkel, dunkelblau wohl.

    Danke für den Denkanstoss
    Gabriela

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  3. Liebe Annette,

    Als ich deine Zeilen las, war alles wieder da. Wir hatten auf ähnliche Weise ein Lebensbild kreiert. Anstelle der Symbole wurden Tiere eingesetzt. Die Tiere den verschiedenen Bereichen zuzuordnen war zwar nicht immer einfach, doch es entstand ein Gemälde mit allerlei Vierbeinern und Gefieder. Nur eines konnte ich keinem Tier zuteilen, es war das Schreiben. Denn ein Tier zu finden, das wie deine bewegte rosa Linie alles trägt, wollte mir beim besten Willen nicht einfallen. So bekam mein Schreiben die Sonne zugeteilt ;)

    Ich danke dir für diese Erinnerung, es hat gut getan darin zu schwelgen!

    liebe Grüsse, mirjam

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  4. Liebe Annette,

    das hast Du wundervoll beschrieben! Diese bewegte rosa Linie kann ich mir sehr gut vorstellen und ich wünschte, dass meine ebenso schwungvoll wird wie Deine!
    Und Barbara hat recht!
    Ich versuche mir vorzustellen, welche Farbe meine Schreiblinie hätte, aber ich kann sie nicht sehen. Schade.

    Liebe Grüße
    Nikola

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  5. Liebe Annette,

    das hast du sehr schön beschrieben. Und als ich den letzten Satz las, lief mir ein Schauer über den Rücken ...

    Liebe Grüße
    Barbara

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