Dienstag, 10. Dezember 2013

Schreibwerkstatt in der JVA




Gestern war ich zu einer Schreibwerkstatt in der JVA Herford. Ich war ziemlich aufgeregt, denn ich kenne ja mittlerweile einige Gefängnisse und ihre Insassen und weiß, dass die Arbeit dort nicht einfach ist. Viele Jugendliche erleben sich in einer Mischung aus Größenwahn und Minderwertigkeit, und fallen schnell von einem Extrem ins andere.
Die Schreibwerkstatt begann mit einer Enttäuschung. Zehn Teilnehmer durften sich anmelden, acht hatten sich aber nur in die Liste eingetragen und letztendlich waren sechs gekommen. Zwei brachen dann auch noch in der Pause ab.
Eine finstere Bilanz.
Die vier aber, die geblieben waren, erlebten ein unglaubliches Glücksgefühl. Obwohl sie schreiben konnten, was sie wollten, entschieden sie sich für das autobiografische Schreiben. Meine Impulse zum Aufbau von Geschichten benutzen sie als Hilfe, ihre Geschichte zu strukturieren, dann ließen sie sich total vom Schreiben gefangen nehmen. Der Kuli flog nur so über das Papier. Hin und wieder blickten sie kurz auf, mit roten Gesichtern, um sich im Raum umzuschauen. Dann ging es weiter.
In dieser Phase ließ ich sie in Ruhe, saß einfach nur bei ihnen und bewegte mich kaum.
Einer hörte gar nicht wieder auf, hatte aber nach vier dicht beschriebenen Seiten erst den Anfang seiner Geschichte und will gleich morgen weiter schreiben. Es floss so aus ihm heraus, gut formuliert, packend und sehr emotional.
Auch die anderen drei gerieten in den Schreibfluss und schrieben und schrieben.
Dann überarbeiteten wir gemeinsam, lasen vor und gaben Rückmeldungen.
„Es ist so toll, einfach nur so zu schreiben“, sagte einer in der Rückbesinnung. „Das habe ich in der Grundschule zum letzten Mal gemacht.“
Er hatte seine spannende und gleichzeitig traurige Geschichte in dieser Zeit fertig gestellt und war überglücklich über seine neue Erfahrung.
Dass ich diese vier so erreicht habe, versöhnte mich mit dem Abend, und ich fuhr beschenkt und beglückt nach Hause.

Kommentare:

  1. Was für ein wunderbares Gefühl liebe Annette, du hast die Jungendlichen motiviert und aus der Reserve gelockt und es ist dir gut gelungen. Eine ganz neue Erfahrung für die Jungendlichen.

    Einen gemütlichen Abend und liebe Grüße
    Angelika

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  2. Ich hätte gern gewusst, warum meine Kommentare gelöscht werden. Verstoße ich gegen die Blog-Regeln?
    Gruß, Kalinka

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    1. Um Himmels Willen, ich habe nichts gelöscht. Ich freue mich über jeden Kommentar!

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  3. Hm, es muss wohl an AOL liegen. Über fire fox scheint es zu klappen. Letzter Versuch
    Ich schrieb:

    Toll, dass Sie sich um diese Jugendlichen bemühen, auch wenn es zuletzt nur vier waren, die Sie erreicht haben. Sich schriftlich auszudrücken, fällt ja einigen sehr schwer, manche können es ja nicht einmal mündlich. Da sind dann andere Gestaltungsangebote gefragt. Aber für die vier war es jetzt ein Glück, ein solches Angebot zu bekommen. Ich wünsche Ihnen für diese Arbeit viel Geduld und gute Nerven, vor allem, wenn es eventuell enttäuschende Rückschläge gibt. Auf jeden Fall: Hut ab! Alles Gute, Kalinka

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  4. Liebe Kalinka!
    Wie schön, dass das mit der Rückmeldung noch geklappt hat. Auf so eine liebe und ermutigende Rückmeldung hätte ich ungern verzichtet. Danke!
    Gruß Annette

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