Montag, 3. Januar 2011

Jessy Klein - Das Chat-Experiment

Vor einiger Zeit erzählte mir eine Lehrerin aus einer Stadt, die ich mal X-Stadt nenne, von einem spannenden Chat-Experiment, das sie mit ihren Schülern durchführte. Davon möchte ich gerne berichten.
Zuvor muss ich aber von der Lehrerin erzählen: Sie ist supernett, jung, lebendig und hat einen liebevollen Kontakt zu ihrer 7. Klasse. 
Nur so konnte das Experiment so gut werden, wie es wurde.

Die Lehrerin las mit ihren Schülern mein Buch "Im Chat war er noch so süß" und sprach mit ihnen über die Gefahren des Chattens. Natürlich versicherten die Schüler, nie mit einem Fremden zu chatten, schon gar nicht, ihm etwas Persönliches anzuvertrauen oder sich mit ihm zu treffen. Doch die Lehrerin blieb unsicher.
So wagte sie ein Experiment. 

Unter dem Namen Jessy Klein loggte sie sich in ein soziales Netzwerk ein und suchte nach ihren Schülern. Schnell fand sie die erste Schülerin unter ihrem richtigen Namen.
Die Lehrerin erzählte ihr die Geschichte, dass sie demnächst von Frankfurt nach X-Stadt umziehen würde und in die 7. Klasse der Realschule gehen würde.
Die Schülerin war begeistert und glaubte die Geschichte sofort. Voller Freude, demnächst diese neue Klassenkameradin begrüßen zu können, schrieb sie zurück und schickte außerdem noch eine Liste weiterer Klassenkameraden, die ebenfalls in diesem Netzwerk waren, teilweise mit ihren Namen, teilweise mit Nicknames.
Die Lehrerin arbeitete nun die Liste durch, addete einen Schüler nach dem anderen und erzählte die "Umzugsgeschichte". Alle vertrauten ihr. 

Sie erhielt nun einige vertrauliche Informationen über die Lehrer der Schule, sogar eine Liste mit guten und blöden Lehrern (und konnte dabei sehen, dass sie zu den guten gehörte).
Außerdem fragte sie verschiedene Schüler, ob sie sich nicht mit ihr treffen wollten. Einige waren dazu bereit, wollten aber nicht allein kommen. 
Ein Schüler wollte sich auch allein mit ihr treffen. Im Kino zu einem Harry-Potter-Film. 
Als er dann die Kinokarten besorgen wollte, beschloss die Lehrerin, sich zu outen. 
Mit einem Beamer betrat sie die Klasse und startete das Ergebnis ihres Experimentes.


Die Schüler waren entsetzt, als sich die Lehrerin als Jessy Klein outete. 
Danach erkannten sie, wie schnell man jemandem vertraut, wenn er einem eine plausible Geschichte erzählt. Es war ein richtiger Schock für sie zu sehen, wie ahnungslos sie in die Falle gegangen waren.
"Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse", sagte die Lehrerin am Ende der Stunde.
Aber das waren die Schüler nicht. Sie wussten, dass sie es gemacht hatte, um sie vor den Fallen des Internets zu schützen.


Kommentare:

  1. Liebe Annette,

    so erschreckend das Ergebnis dieses Versuchs einerseits ist, erinnert es mich doch sehr daran, wie auch Erwachsene im Internet unterwegs sind. Foren, Blogs, Facebook, Twitter - da hat man ganz schnell das Gefühl sich zu kennen, ohne sich je begegnet zu sein. Ich staune immer wieder, wie hier völlig Fremden Dinge anvertraut werden, die man normalerweise nur mit sehr guten Freunden besprechen würde.

    Insofern finde ich das Verhalten der Jugendlich vollkommen nachvollziehbar.

    Liebe Grüße von
    Christine

    die dich leider bisher auch nur aus den Weiten des Web kennt.

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  2. Liebe Annette,

    Schlimm, dass mich die Entwicklung dieses Experiments nicht überrascht... Wie Christine schon gesagt hat, tappen auch viele Erwachsene in die Internetfalle. Auf Facebook werden Dinge an die Pinnwand gepostet, von denen ich mich oft frage, ob sich der Absender bewusst ist, wer das alles lesen kann. Gewohnheitsmässig ist man auf Foren oder hier in Blogs per Du, wobei eine Nähe entsteht, die oft Tabus verschwinden lässt, auf die man bei einer persönlichen "Gegenüberstellung" noch bestehen würde.
    Ich stehe gerade vor der schwierigen Aufgabe, den 12jährigen Sohn in die Internetwelt einzuführen und bekomme es natürlich manchmal mit grossen Bedenken zu tun. Inwieweit darf ich ihn selbstständig machen lassen. Wo muss ich kontrollieren und WAS kann ich eigentlich kontrollieren.
    So ein Experiment ist eine sinnvolle Sache um aufzuzeigen, wie schnell man auf Versprechungen im Cyberspace hereinfallen kann. Das werden die Jugendlichen sicher nicht so schnell vergessen - hoffentlich.

    Alles Liebe,

    Alexandra

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  3. Liebe Annette,

    ich sehe diese Aktion mit gemischten Gefühlen. Klar hat diese Lehrerin ihren Schülern bewiesen, wie leicht es ist, im Internet auf einen Menschen hereinzufallen. Und sicher war diese Erfahrung für einige der Schüler auch eine sehr heilsame.
    Aber: Trotzdem hat die Lehrerin exakt das gemacht, wovor sie ihre (minderjährigen) Schüler gewarnt hat.
    Sie hat sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in deren Leben eingeschlichen, hat Dinge von den Schülern erfahren, die sie sonst nicht erfahren hätte.
    Was wäre zum Beispiel gewesen, wenn Schüler von ihr dieser Jessy Klein nur negatives über ihre Lehrerin erzählt hätten? Wie wäre sie in Zukunft diesen Schülern begegnet?

    Ich persönlich finde das Verhalten dieser Lehrerin, bei aller guten Absicht, die dahinterstecken mag, falsch. Der Schuss hätte mächtig nach hinten losgehen können.

    Sich im Internet einer Identität zu bedienen, die man nicht wirklich hat, Biografien im Netz zu verbreiten, die nicht die eigenen sind, um Menschen auszuspionieren oder anderweitig zu benutzen, ist in meinen Augen immer ein mieses Spiel. Sei es nun aus Neid oder Missgunst, wie ich es schon erlebt habe oder aus einem (in meinen Augen falsch verstandenen) Lehrauftrag heraus.
    Jeder, der sich viel im Internet bewegt, der gerne in Foren oder Blogs schreibt, weiß, dass er immer wieder solchen Menschen begegnen kann und lernt, damit umzugehen.

    Jugendliche davor zu warnen, finde ich vollkommen in Ordnung.
    Sie auf diese Weise für ein "Experiment" zu benutzen, hat für mich einen blöden Beigeschmack.

    Liebe Grüße
    Jutta

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  4. Liebe Annette Weber,

    also ich finde diesen Versuch toll.Auch meine Mum fande es cool weil sie endlich gesehen haben wie schnell das geht.
    Ich war live dabei ich gehe in diese X schule und X klasse aber mich hatte sie nicht angefragt.Weil ich ein Acount meiner Mutter zusammen hatte.Aber ich fande den verscuh sehr toll.
    Besonders lustig war auch das einer der schüler mir einen Tag bevor erzählt hat das er sich mit ihr trefen wollte und dann nächsten tag hat sie sich geoutet.

    liebe grüße Laura

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  5. Danke, Laura, das du das noch mal so aus der Praxis erzählst. Ich fand es auch total spannend.
    Gruß Annette

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