Mittwoch, 25. April 2012

Lemgo - die Heimat meiner Eltern


Schon in frühster Kinderzeit beschäftigte mich das Thema Heimat. Heimat, das ist der Ort, in dem man geboren ist, lernte ich in der Schule, und ich hatte immer das Gefühl, das stimmt nicht. Ich bin in Lemgo geboren, aber da ich schon als kleines Kind von dort wegzog, war diese Stadt für mich nicht meine Heimat. Meine Heimat war Minden, die Stadt in der ich aufwuchs und zur Schule ging.
Für meine Eltern war das anders. Sie waren in Lemgo geboren, und auch meine Großeltern lebten dort. Sie fanden schon, dass Lemgo unsere eigentliche Heimat war. Einmal in der Woche fuhren wir nach Lemgo und besuchten meine Großeltern. Ich war gerne dort, aber leben wollte ich in diesem kleinen Kaff niemals.
Dann eines Tages bewarb sich mein Vater an einer Schule in Lemgo. Für uns war das nichts Besonderes, denn mein Vater bewarb sich gerne mal, trat aber nie die Stelle an, wenn er das Angebot bekam.
Plötzlich aber war alles anders. Mein Vater bekam die Zusage und wurde richtig bedrängt, sie anzunehmen. Es herrschte ein großer Bedarf an Mathematiklehrern. Mein Vater überlegte hin und her, dann sagte er zu - zum Entsetzen meiner Mutter, meinen Schwestern und mir. Aber, so erklärte uns mein Vater, ein Lipper kehrt letztendlich doch immer wieder in seine Heimat zurück. Er hatte den großen Wunsch, uns seine Heimat schenken - aber er nahm uns unsere.
Unglücklich und unter Tränen zogen wir nach Lemgo. Von dem letzten Tag, an dem wir alle mit blassen Gesichtern in unseren leergeräumten Zimmern sitzen, gibt es einige traurige Fotos.
Lemgo wurde tatsächlich nicht mehr meine Heimat. Aber die kleine Stadt bot einen großen Vorteil: Wir wohnten ziemlich zentral, und die Wege in die Stadt, in Kneipen, Discos oder den Studentenclub waren kurz.  Auch erschien mir Lemgo relativ ungefährlich, sodass ich mir traute, nachts alleine nach Hause zu gehen. Und ganz objektiv betrachtet ist Lemgo wirklich schön - eine mittelalterliche Stadt mit hübschem Stadtkern. Noch heute bummele ich gerne durch die Fußgängerzone.
Eine wirkliche Heimat habe ich seitdem nicht mehr - hatte sie sowieso nie so richtig. Manchmal frage ich mich, was es wohl für ein Gefühl sein muss, wenn man seit Generationen seine Familienwurzeln tief in den Erdboden gegraben hat.  Ich beneide ich die Menschen, die dieses Heimatgefühl in sich spüren können. Auch wenn sie es sicherlich manchmal auch als Enge erleben. 

(Foto: Lemgo, Langenbrücker Mühle an der Bega)

Kommentare:

  1. Ich glaube Heimat kann auch viel größer sein, als ein kleiner Ort oder eine Stadt. Heimat kann auch ein ganzes Land sein. Für manche ist Heimat auch immer dort, wo sie mit ihrer Familie gerade leben. Für mich war meine Heimat immer die Porta Westfalica. Auch als ich 20 km weiter nördlich lebte. Selbst von dort war die Porta bei guten Wetter zu sehen. Ich bin schon sehr oft umgezogen, blieb aber immer am Fuße des Wiehengebirges im Raum Minden, Hille, Porta Westfalica. Wenn wir aus dem Urlaub nach Hause kommen und sehen schon von Weitem die Porta, dann wissen wir, wir sind zu Hause angekommen...

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