Montag, 20. August 2012

Die Verlaufskurve



Verlaufskurve nennt sich in der Pädagogik die Lebensphase, in der sich ein Mensch immer tiefer in seine Probleme verstrickt. Er gerät aus dem Gleichgewicht, versucht verzweifelt, sich zu stabilisieren. Doch die Geschehnisse entwickeln eine eigene Dynamik, und  so gerät er  schließlich fremdbestimmt ins Trudeln und bricht zusammen. Erst durch diesen Orientierungszusammenbruch kann eine Wandlung und damit eine Veränderung erfolgen.
Im Leben eines Menschen ist diese Verlaufskurve das Tragischste, was ihm passieren kann.
Der Roman dagegen lebt davon. Ausgerechnet diese Verlaufskurve macht ihn spannend, dramatisch und lesenswert.
So ist man als Autor irgendwann gezwungen, seinen Protagonisten in eine Verlaufskurve zu führen. Das ist schrecklich, denn man hat ihn so verdammt lieb geworden und möchte ihm diesen Leidensweg ersparen.
Diese Schreibphase ist für mich immer schrecklich. Ich leide mit ihm, ich bin angestrengt und voller Unruhe. Meine Tastatur klappert, denn mein größter Wunsch ist es, ihn bald zu erlösen, das Ende für ihn sichtbar zu machen, ihn Land gewinnen lassen.
Wenn alles vorbei ist, bin ich mit ihm erschöpft
Einziger Trost: Ich bin diejenige, die schon vorher weiß, wie alles ausgehen wird. 

(Foto: Kondensstreifen über der Tarn)

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