Freitag, 2. November 2012

Fantasie und Mord und Totschlag




Als Jugendliche liebte ich die Fernsehsendung Aktenzeichen xy ungelöst. Ich litt mit den Opfern, war aber auch fasziniert von der Tatsache, dass diese Fälle wirklich passiert waren. Und irgendwann begann ich selbst, meine Aktenzeichen-Filme zu drehen. Im Kopf natürlich.
Wir wohnten in dem kleinen beschaulichen Städtchen Lemgo, ziemlich nah am Zentrum. Wenn ich abends ausging, verzichtete ich auf das ziemlich halbherzige Angebot meines Vaters, mich abzuholen, sondern machte mich zu Fuß auf den Weg durch die Dunkelheit nach Hause.  Okay, Lemgo ist nicht Berlin, aber krumme Gestalten lungern in jeder Stadt herum, besonders nachts.
Ich schaute kurz auf die Uhr. Dann ging ich los, und automatisch startete ich meinen inneren Film.
„Es war 0.32 Uhr, als sie die kleine Studentenkneipe in der Innenstadt verließ“, begann mein Kopfkrimi. „Die 17-jährige Schülerin Annette Weber ging ein kleines Stück den Wall entlang, bog dann in die Mittelstraße ein.“
Gestalten kamen mir entgegen. Mein Herz klopfte, aber ich ging ihnen mutigen Schrittes entgegen. Hatten sie ein Messer bei sich? Trugen sie eine Waffe? Nein. Sie betrachteten mich genauso ängstlich, wie ich sie.
„Auch die beiden Männer konnten sich noch erinnern, Annette Weber gegen 0.45 Uhr in der Mittelstraße gesehen zu haben“, fuhr ich mit meinem Kopfkrimi fort.
Jedes Auto, jeder Passant wurde mit Tatzeit und Ortsbeschreibung in meinem Film dazu gefügt. Gleichzeitig stieg meine Aufregung bei jeder Begegnung. Denn aus den Aktenzeichenfilmen wusste ich, irgendwann passiert der Mord. So lösten schließlich die Personen, die ich kurz vor unserem Haus traf, eine richtige Panik aus.
Eine letzte Angst, als ich den Schlüssel ins Schloss steckte - denn es gab oft Opfer, die kurz vor ihrem Haus überfallen wurden - dann stand ich im Hausflur. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich hatte überlebt. Das war kaum zu glauben.

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