Donnerstag, 11. April 2013

Kleine Schritte




Mein Vater ist wieder gesund, soweit man bei seinem Zustand von gesund sprechen kann. Aber er kann wieder laufen und sein Gesicht ist voll und rosig. Nächste Woche wird er entlassen, und wenn er mag, kann er nach Hause zurückkehren. Er will es auch gerne, aber gleichzeitig auch wieder nicht, denn die Angst, erneut zu fallen, ist groß. Zwar hat er einen ziemlich engmaschig gestrickten „Betreuungsstab“, zu dem auch ein Notruf-Armband gehört, trotzdem ist es ein verdammt elendes Gefühl, wenn man auf Hilfe warten muss.
Wir überlegen, wie es weiter gehen soll. Ich mag ihn zu nichts überreden, aber die Dinge zu entscheiden fällt ihm von Jahr zu Jahr schwerer. Dabei war er immer so ein klarer Mensch, mit kraftvollen mutigen Entscheidungen. Nun sitzt er da, unruhig, unglücklich. Die Augen bewegen sich von einer Seite zur anderen, die Hände greifen unruhig ineinander.  
„Ich weiß auch nicht“, sagt er. „Kann ich nicht hier im Krankenhaus bleiben?“
Ich rufe im Seniorenheim an, frage nach einem Platz für eine Kurzzeitpflege. Sie haben ein schönes großes Zimmer frei. Aber sie drängen. Viel Zeit für die Entscheidung haben wir nicht.
Das Seniorenheim überzeugt mich sofort. Es ist groß und freundlich, in der Eingangshalle ist überall der Frühling zu spüren. Alte Menschen sitzen zusammen, erzählen, spielen Karten, lesen die Zeitung. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich hier wohl fühlen könnte. Er liebt die Kontakte mit anderen, fürchtet sich immer vor dem Alleinsein. Aber würde er es auch so sehen?
Bei dieser Entscheidung ist es wichtig, kleine Schritte zu gehen und den Rückweg auf zu lassen. Vier Wochen Kurzzeitpflege, Kraft tanken, anderen begegnen, um dann neu zu entscheiden.  
„Dein Haus bleibt“, sagte ich. „Die Heizung läuft, das Bett ist bezogen, der Treppenlift steht unten.“
Da will er es wagen. 

(Foto: White Sands, USA)

Kommentare:

  1. Irgendwann werden unsere Eltern im Geist wieder zu Kindern, und dann ist es unsere Aufgabe, für sie zu sorgen. Irgendwie eine traurige Idee...

    Ich wünsche deinem Vater alles Gute!

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  2. Liebe Annette,
    ich finde das ist ein guter Weg erst mal in die Kurzzeitpflege zu gehen. Vielleicht gefällt es Deinem Vater ja so gut, dass er gar nicht mehr in sein Haus will.
    Ich habe einen Bekannten bei dem war das mit seiner Mutter so. Die fühlt sich seit zwei Jahren super wohl im Seniorenheim. Sie hat immer Gesellschaft und wenn sie allein sein will, kann sie das ja auch.
    Natürlich ist es ein schwerer Schritt, schließlich ist es die "letzte Station". Ich wünsch' Deinem Papa alles erdenklich Gute und Dir ganz viel Kraft.
    Liebe Grüße
    Heidi

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  3. Liebe Annette,

    Heidi hat ziemlich genau das in Worte gefasst, was ich auch schreiben wollte. So bleibt mir nur noch, euch ebenfalls alles, alles Gute zu wünschen.

    Herzlichst
    Marie

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  4. Ich wünsche ihm, dass es ihm gefällt und er sich wohl fühlt. Und du gibst ihm die Sicherheit, die einem denke ich sehr schnell verloren gehen kann, wenn man in der Phase des Lebens angekommen ist. Ich wünsche euch alles Gute!
    Wie sagte mein Opa immer: Wenn du alt werden willst, musst du lange leben. In diesem Sinne.

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