Dienstag, 10. Juli 2012

So sind sie, die Oldies!



Meine Schwiegermutter und mein Vater verstehen sich gut. Manchmal nehme ich sie mit, wenn ich ihn besuche. So auch heute.
Unterwegs plötzlich: „Oh nein, auch das noch! Jetzt geht das wieder los!“
Ich steige in die Bremsen.
„Was ist denn?“
„Mein Hörgerät. Die Batterien sind leer.“
„Soll ich zurück fahren und welche holen?“
„Waaaas? Och, nicht so schlimm, Annette. Du hast ja eine klare laute Stimme…“
: - o
Wir sind bei meinem Vater angekommen. Er kommt uns schon im Treppenhaus entgegen. Blutend.
„Was hast du denn gemacht?“, rufe ich entsetzt.
„Ach. Nicht so schlimm. Beim Rasieren geschnitten.“
„Wieso rasierst du dich denn immer mit diesen schrecklich scharfen Klingen. Warum nimmst du nicht einen normalen Rasierer?“
Mein Vater winkt ab. „Der taugt doch nichts. Im Alltag vielleicht, aber wenn Besuch kommt, muss man sich nass rasieren. Ich wollte mich doch schick machen für euch. Aber ich kann immer so schlecht sehen.“
Wir finden einen Blutstiller. Dann geht es.
Gemeinsam trinken wir Kaffee. Mein Vater wirkt unkonzentriert. Schließlich vertraut er uns an, was ihn so lange schon beschäftigt. Er hat einen Schlüssel verloren. Vielleicht auch versteckt. Das weiß er nicht mehr.
„Versteckst du denn plötzlich Sachen?“, frage ich. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“
„Manchmal mache ich es glaube ich“, gibt mein Vater zu. „Kannst du mal beim Suchen helfen. Hinter den Bildern habe ich schon gesucht.“
Erst jetzt bemerke ich, dass alle Bilder im Treppenhaus schief hängen.
Ich suche in seinen Jackentaschen, rund um das Schlüsselbrett, im Arbeitszimmer unter dem Regal. Mein Vater beobachtet mich nachdenklich.
„Jetzt kommt mir noch eine Idee“, sagt er. „Kannst du mal unter der Kellertreppe gucken? Vielleicht habe ich ihn dort unter die Decke geklebt.“
„Das ist aber ganz unwahrscheinlich“, sage ich. „Wie willst du denn dahin gekommen sein.“
„Ich komme da schon hin“, meint mein Vater. Dann sieht er zu, wie ich mit einer Taschenlampe unter den Treppenabsatz robbe. Es ist natürlich nichts zu finden. Als ich zurück krieche, stoße ich mir den Kopf an der Decke.
„Du hast recht“, sagt er schließlich.  „Da kann ich ja gar nicht hin gekrochen sein. Ich sollte den Schlüssel an einem Ort suchen, den ich gut erreichen kann. Im Klavier vielleicht.“
Aber auch da ist er nicht. Eigentlich ist der Schlüssel auch gar nicht wichtig. Es gibt einen zweiten Schlüssel. Aber mein Vater kann so schwer loslassen.
Schließlich gelingt es doch, ihn abzulenken, und wir gehen in den Garten, pflücken Himbeeren, Johannisbeeren und ein paar unreife Augustäpfel.
„Die eignen sich besonders gut für Apfelmus“, sagt meine Schwiegermutter.
Die Sonne scheint, und als wir mit Eimern beladen ins Haus zurückkehren sind alle guter Dinge. Erst mal jedenfalls. 

(Foto: Park in Santa Fe)

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