Sonntag, 5. Januar 2014

Wenn Pferde 30 werden




Mein kleines zickiges Pony wird 30. Für ein Islandpferd ist das gar nicht so ein besonderes Alter. Ich kenne welche, die 40 geworden sind.
Rós frá Áslandi heißt sie mit vollständigem Namen. „Fuchs mit Stern“ steht auf ihrer Geburtsurkunde. Mittlerweile hat sie aber so viele weiße Stellen im Fell, dass der Stern kaum noch heraus zu erkennen ist.
Vor 16 Jahren kam sie zu uns an den Stall. Mit ihrer zickigen Art übernahm sie schnell die Kontrolle der Islandherde und freundete sich mit meinem damaligen Wallach an. Seit der Zeit ist viel geschehen. Pferde und ihre Besitzer kamen und gingen. Immer wieder wechselte die Pferdegruppe ihre Mitglieder. Rós aber blieb ranghohe Stute – allein schon wegen der langen Präsenzzeit.
Als Rós Besitzerin schwer erkrankte und keine Möglichkeit mehr sah, sich um ihr Pferd zu kümmern,  kaufte ich sie ihr ab und übernahm von da an ihre Pflege. Das war nicht immer einfach. Im Sommer quälte Rós das Sommerekzem, und sie musste täglich mit einer Lösung eingeschmiert werden. Außerdem litt sie manchmal an schlimmen Asthmaanfällen. Einige Male habe ich heulend die Tierärztin gerufen, weil ich dachte, dass ich sie nun endlich einschläfern lassen muss. Aber immer hat sie es dann irgendwie geschafft, sich wieder aufzurappeln.
Sie überlebte auch ihre Besitzerin, die vor zwei Jahren nach langer Krankheit ihren Kampf gegen den Krebs verlor.
Nun wird Rós 30. Seit einigen Jahren schon reite ich sie nicht mehr. Sie wird nur noch gepflegt und gestreichelt und genießt einen ruhigen Alltag in einer kleinen Herde.
Fast jeden Tag bin ich am Stall, miste die Box und hole die Islandpferde von der Wiese. Manchmal fluche ich innerlich, so abhängig zu sein. Aber wenn Rós dann am Gatter steht und auf mich wartet, vorsichtig und zurückhaltend, und immer ein bisschen ängstlich, dann bin ich doch verdammt froh, sie immer noch zu haben. Und die Zeit am Stall, selbst wenn sie kurz ist, ist immer ein kurzes Abtauchen aus dem Alltag.

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