Samstag, 5. Januar 2013

Authentizität




Überraschend steht unser Weinhändler, ein kleines Männlein aus der Pfalz, vor der Tür.
Um es klar zu sagen, wir gehören nicht zu diesen lustvollen, gaumenfreudigen, exklusiven Weinkennern, die einen trocknen Chardonnay fordern, ihn vor dem Trinken dekantieren, ihn dann eine Weile im Glas atmen lassen und ihn schließlich „harmonisch im Abgang“ finden.
Ich persönlich kaufe meinen Wein gerne schnell mal im Supermarkt, mein Mann trinkt sowieso lieber Bier.
Diesen Weinhändler haben wir von unseren Nachbarn geerbt, und weil er so nett und authentisch ist, und wir immer so schlecht nein sagen können, bestellen wir nun bei ihm.
Er ist Winzer durch und durch. Während der Weinernte steht er auch schon mal mit blauen Fingern in der Haustür – umgeben von einem Schwall Obstfliegen.
„Diesmol komm isch aba est im Hepst wida“, sagt er in breitem Pfälzisch. „Wense also schöne Win habe möscht, sollte Se jez amol a bissl mea bestelle.“
„Oh“, sagte ich. „Eigentlich trinke ich im Moment gar keinen Alkohol.“
„Warum nit?“, fragt er erschrocken. „Sind Se krank?“
Und er mustert mich beunruhigt von oben bis unten.
Über diesen Witz muss ich den ganzen Nachmittag grinsen.
So ein echter Winzer, erfahre ich später, trinkt 1 ½ Liter Wein am Tag.
„S ischt doch Medizin!“

Kommentare:

  1. Liebe Annette, wenn das nicht der perfekte Folgebeitrag zum neuen Klar-Roman ist ;)!

    Herzlichst
    Marie

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  2. Liebe Annette,
    die Mönche am Rhein und an der Mosel bekamen jeden Tag eine bestimmte Menge Wein zugeteilt. Ich weiß jetzt nicht mehr, ob es ein Liter war, oder mehr...wurde uns mal bei einer Burgbesichtigung erzählt.
    Ich kann mir das Gespräch zwischen Dir und dem Winzer lebhaft vorstellen...lächel...nette Geschichte
    Liebe Grüße
    Heidi

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  3. Ein Paradebeispiel dafür wie unterschiedlich "Krank" definiert werden kann. "Zu viel oder zu wenig?" das ist hier die Frage ;)

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  4. Ja so sehen die Menschen die Sache mit dem Alkohol ganz verschieden. Ich habe sage und schreibe ein Glas Sekt zum Anstossen getrunken, den Rest der Flasche hab ich meiner Tochter mitgegeben. Alkohol und Rheuma vertragen sich nicht.

    Liebe Grüße
    Angelika

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