Freitag, 18. Januar 2013

Inklusion




Es ist so schade, dass man immer gleich in irgendwelche Schubladen gepackt wird, wenn man sich zu einem schulpolitischen Thema äußert. So hat man sich heutzutage als moderner Mensch für die Integration behinderter und nichtbehinderter Kinder einzusetzen, und man ist konservativ, wenn man die Förderschulen befürwortet. Dann kommt auch schnell das Totschlagargument, dass doch alle Menschen gleich sind, und man diskriminiere die Behinderten, wenn man eigene Schulen fordert. Und wie viel doch nichtbehinderte Kinder von behinderten Kindern lernen könnten und so weiter und so fort.
Ich bin dann immer gleich still. Jemand, der andere diskriminiert, möchte ich nun wirklich nicht sein.
Aber heute oute ich mich mal als jemand, der Förderschulen total liebt. Sie sind oft die Schulen, in denen ich mich sofort wohl fühle, sobald ich das Schultor durchschritten habe. In ihnen lebt eine herzliche Familien- und Wohnzimmerpädagogik, die sich in einer schönen Schulumgebung und einer zugewandten Pädagogik äußert.
Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich viele viele Schulen kennen lerne. In vielen Schulen gefällt es mir, aber dieses besondere Gefühl der Geborgenheit erlebe ich an Förderschulen auf ganz besondere Weise. Und noch etwas fällt mir immer wieder auf. Ich treffe an einigen Förderschulen auf Schüler, die eigentlich gar nicht dahin gehören. Sie sind auf einer Körperbehindertenschule, obwohl sie nur eine kleine körperliche Behinderung haben, sie sind auf einer Schule für Gehörlose, obwohl sie gut hören können, um nur einige Beispiele zu nennen. Es sind Kinder, die einfach einen Schonraum brauchen. Mehr Zuwendung, mehr Zeit zum Lernen, Klassenkameraden, die sie verstehen, gute pädagogische Betreuung. Und sie wollen nicht an die Regelschule – sie wollen sich nicht jeden Tag damit auseinander setzen, dass sie schwächer sind als andere.
Das einzige, was Förderschulen nicht bieten, ist ein gutes Aushängeschild für die Eltern. Denn wenn man den Nachbarn erzählt, dass das Kind „zur Anne-Frank-Schule“ geht, weiß doch jeder, dass es die Förderschule um die Ecke ist, und das ist verständlicherweise beschämend für die Familie.
Aber nun ist Inklusion angesagt: Doch im Moment bieten nur die wenigsten Schulen, die sich die Inklusion auf ihre Fahnen geschrieben haben, den integrativen Unterricht, den die Politiker versprochenen  haben. Das einzige, was bis jetzt schnell durchgesetzt wurde, fiel unter den Aspekt Sparmaßnahmen. Förderschullehrerstellen wurden gestrichen und die Arbeit auf die kostengünstigeren Grund- und Hauptschullehrer abgewälzt, Förderschulen geschlossen, die teuren Busfahrten eingespart. Damit sich die Lehrer nicht beschweren, stellte man ihnen eine 400,- €-Kraft zur Seite, die sich Integrationskraft nennt, und die das Kind zur Toilette begleiten kann, wenn es muss. Ach ja, und dann gibt es ja noch diese verbeamteten Förderschullehrer, die man nicht einfach in den Ruhestand schicken kann. Sie schickt man einmal die Woche an der Regelschule vorbei – zum integrativen Unterricht. Pech nur, wenn gerade in der Stunde ein Diktat geschrieben wird. Dann sitzt der seltene Gast nämlich nur stumm dabei.
Nee ehrlich, wenn man behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam unterrichten will, muss etwas anderes passieren. Wie wäre es denn mal mit der Integration nichtbehinderter Kinder an kleine gemütliche Förderschulen. Das wäre bestimmt ein pädagogisches Paradies!

Kommentare:

  1. Hallo liebe Annette
    Um das in Deutschland behinderte Kinder an den ganz normalen Unterricht teilnehmen können, muss das ganz Schulsystem verändert werden. Selbst Leistungsschwache Kinder haben in unserem System keine Chance, weil die Lehrer überfodert sind. Förderschulen wo sich die Lehrer individuell um die Kinder kümmern können, finde ich gut. Bei Klassengrößen von 30 Kindern ist das in normalen Schulen gar nicht möglich.

    In Deutschland wird grundsätzlich der zweite Schritt vor dem ersten getan, schon merkwürdig.

    Wie kann es sein, das sich zwei Kinder ein Buch teilen müssen, daraus lernen, das eine Kind nimmt das Buch mit in die Ferien, das andere Kind hat dann einen Tag Zeit das Buch durchzublättern und dann wird eine Arbeit geschrieben. Hier passiert an unserer weiter führenden Schule. Armes Deutschland.

    Liebe Grüße
    Angelika

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  2. Eine Inklusion (lat. inclusio „Einschluss“) ist ein in einem Mineral eingeschlossener Fremdstoff(Wikipedia). Ich assoziiere damit sofort Einschluss im Sinne von Eingesperrtsein. Ein ekelhaftes Kunstwort für pädagogische Absichten, die zunächst sehr gut gemeint sind und von Eltern behinderter Kinder auch erstritten wurden. Wie das in der Praxis läuft, zeigt ganz gut der Film:"Inklusion", der vor einiger Zeit im TV lief. In der Realität heißt das, keine natürliche Einbeziehung Behinderter, sondern gleich schlechte Bedingungen für alle. Kein Wunder, dass Eltern immer häufiger Privatschulen gründen, was ich bedauere, denn ich bin sehr dafür, dass man Kinder nicht separiert. Jeder Politiker schwärmt von Bildung als vorrangiges Ziel, aber das nötige Geld wird dafür nicht bereitgestellt. (Nein, ich bin und war keine frustrierte Lehrerin).
    Gruß, Kalinka

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  3. Inklusion ist nur dann gut, wenn sie die gleichen Möglichkeiten für alle Kinder bietet wie die Förderschulen. Da das meistens nicht der Fall ist - und weil viele Behinderungen sehr unterschiedliche Lernumgebungen notwendig machen - halte ich sie prinzipiell für eine gute Idee (wie den Kommunismus) und glaube, dass sie in der Realität nicht gut funktionieren kann (wie der Kommunismus).

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  4. Schade, dass nicht an allen Schulen eine solche Atmosphäre wie in den Förderschulen herrscht, das wäre dem Lernen nämlich fürwahr förderlich...
    Toll dein Plädoyer für der Förderschule. Überhaupt wäre es an der Zeit den Grauschleier von Förder- und Hauptschulen zu lüften, der vor allem in den Köpfen der Erwachsenen herum wabert. Meist ist das leider mit einer Abwertung der betreffenden Schularten verbunden. Die sind jedoch nicht weniger wert als die höheren Schulen (in diesem Wort "höhere Schule" steckt schon die Abwertung für diejenigen, die eben nicht diese höheren Schulen besuchen). Eigentlich wäre es mal an der Zeit darüber nachzudenken, die Kinder nicht in Schubladen zu stecken, sondern unter dem Motto "alle Menschen sind gleich wertvoll" bestmöglichst zu versorgen. Und für manches Kind ist das eben nun mal die Förderschule. An einer anderen Schule würde es unter Umständen verloren gehen...

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  5. Ich freue mich über eure Kommentare und kann nur begeistert mit dem Kopf nicken.
    Gruß Annette

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  6. Mmmh... ich finde das sind zwei Seiten einer Münze...
    Ich kann deine Meinung nachvollziehen und ich finde Inklusion an der Stelle schlecht (neben dem Begriff vlt ^^), wenn es einfach politisch hingestellt und nicht genauer betrachtet wird. Ich stimme dir zu, dass es nicht sein kann, dass man eine 400-Euro-Kraft o.ä. abstellt, um Schüler individuell zu betreuen und das dann Inklusion nennt. Das kann nicht funktionieren und ist nicht sinnvoll.
    Allerdings habe ich auch die andere Seite kennen gelernt und zwar an einer Gesamtschule (Elsen) in Paderborn, an der bereits seit Jahren körperlich oder geistig behinderte Schüler in den Unterricht integriert werden. Es gibt dort in jedem Jahrgang eine "gemischte" Klasse, in der einige behinderte Schüler integriert sind. Eltern haben dort die Möglichkeit zu entscheiden, ob ihre Kinder in eine Integrationsklasse kommen sollen oder nicht. In der Integrationsklasse stehen dann immer zwei Lehrer und 1-2 Sozialarbeiter (o.ä. je nach Bedarf der Schüler) bereit, die den Unterricht - natürlich meist ein wenig langsamer als in den anderen Klassen - durchführen, dafür funktioniert dort der integrative Unterricht aber sehr gut.
    Ich habe es dort auch erlebt, wie ein Schüler es an einem der Gymnasien nicht schaffte, mit Autismus die Schulbahn zu durchlaufen. An der Gesamtschule hingegen hatte er keine Probleme ganz normal sein Abitur zu machen.
    Dies war auch mit ein Grund für mich, weswegen ich dort gern mein Ref gemacht hätte, einfach um diese Möglichkeiten genauer kennen zu lernen.
    Ich denke, wenn man so Integration/Inklusion nach und nach "entwickelt" und ein System schafft, dass offenbar tatsächlich funktioniert, dann ist es meiner Ansicht nach wirklich eine tolle Sache. Wenn natürlich Politiker herumstehen und sagen: YEAH INKLUSION! Non-plus-ultra, machen wir jetzt auch. Aber letztlich nichts am aktuellen Schulsystem ändern - dann bringt das ganze so ziemlich gar nichts -.-

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  7. Danke. Du schreibst mir (und übrigens nicht wenigen Lehrkräften) aus der Seele.

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