Montag, 28. Januar 2013

Zutexten




Seit einiger Zeit beobachte ich ein seltsames Phänomen in meinem Umkreis: Das Phänomen des Zutextens. Ich treffe auf jemanden und der benutzt mich nur dazu, seinen Redeschwall an mir abzulassen. Ich sage „ach ja?“ oder auch „jaja“, manchmal schweige ich sogar. Im Grunde ist es egal, was ich sage oder mache, denn der andere redet sowieso gleich weiter. Meine Sicht der Dinge ist gar nicht gefragt.
Dann frage ich mich immer wieder, ob das eine Frage des Alters ist, dass die Menschen nur noch auf Sendung geschaltet sind, oder ob es an der Zeit liegt, in der wir immer weniger aufeinander eingehen. Vielleicht aber liegt es auch an mir, und ich habe wieder dieses höfliche Zuhörergesicht aufgesetzt, mit dem ich schon als Jugendliche auf langen Bahnfahrten Menschen dazu brachte, mir ihre kompliziertesten Lebensgeschichten auszubreiten. Jeder Versuch, auch mal etwas zu sagen, wird als Impuls für die nächste Geschichte gesehen. Das ist mühsam. 
Ich habe immer häufiger das Gefühl, durchsichtig zu sein. Was ich denke und fühle, was mich beschäftigt, was ich erlebt habe, ist völlig uninteressant. Ich mutiere zum Sorgenpüppchen, zum Einkaufszettel, zur Checkliste, zum Supervisor, der seine Rolle nicht zu Ende spielen darf.
„Heute hab ich Stress“, sagt eine aus der Mukkibude, kaum dass ich die Tür zur Umkleide geöffnet habe. „Meint die mich?“, denke ich noch, denn sie kann mich noch gar nicht sehen. Ja, sie meint mich. Es ist sonst keiner da.
„Erst muss ich in den Lidl, dann muss ich meine Mutter abholen und mit ihr zum Ohrenarzt fahren, und dann…“ Sie unterbricht sich kurz. „Weißt du, ob die im Lidl noch die grünen Äpfel haben? Die waren nämlich ganz lecker.“ 
Ich überlege verblüfft, welche Äpfel sie wohl meinen könnte.
„Wenn nicht, nehme ich die roten. Die waren auch ganz gut.“
Okay. Wie gut, dass wir drüber geredet haben…  

Kommentare:

  1. Je mehr Stress und Sorgen Menschen (meinen zu) haben, desto weniger gehen sie auf andere ein. Dabei hilft gerade die tatsächliche Kommunikation (im Gegensatz zum Zutexten), Stress abzubauen und die Dinge auch mal in Perspektive zu sehen.

    (Und guck mal, was für ein dummes Gesicht die Leute machen, wenn du dich direkt bei ihnen beschwerst. ^^ )

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  2. Das kommt vielleicht daher, dass jeder facebooked (sich mitteilt), jeder twittert (sich mitteilt), jeder googleplused (sich mitteilt) ... Alle rufen in den Raum und keiner hört zu. Und dann kommst im ganz realen Leben du. Eine echte Person, die auch noch nett aussieht. Und dein Gegenüber ... teilt sich mit.
    Meine Anteilnahme hast du. Und übrigens, habe ich dir schon erzählt, dass ... hihi. Nein, keine Bange. Ich höre dir extrem gerne zu (will heissen: Ich lese deine Blogeinträge sehr gerne und wärst du jetzt grad hier, würde ich dir auch sehr gerne ganz real zuhören).

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  3. Das Phänomen kenne ich. Gerade letzte Woche war ich bei Bekannten eingeladen. Ich weiß jetzt was die Kinder der Gastgeber tun, wohin die Gastgeber in Urlaub fahren, was sie auf dem Markt eingekauft haben, usw.
    Ich musste nicht viel sagen, um die Unterhaltung am Laufen zu halten ;)

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