Mittwoch, 16. Februar 2011

The Versatile Blogger

Uups, gestern hat mir Uta vom Lyrics unter der Lupe den "Versatile Blogger" verliehen. Ich weiß gar nicht so genau, was das ist, aber sie wollte damit vor allem ausdrücken, dass ihr mein Blog gut gefällt.
Vielleicht ist diese Auszeichnung ein bisschen so wie das Jodeldiplom bei Loriot, aber es freute mich trotzdem sehr. Diese nette Rückmeldung kam vor allem gerade an einem Tag, als ich sehr an meinem Blog zweifelte, und dachte: "Wer liest es überhaupt" - und auch "Was habe ich denn schon Wichtiges zu sagen"...
So sehe ich es erst mal als Motivation, weiter zu schreiben.
Herzlichen Dank also an dich, Uta.

Mit diesem Preis sind zwei Verpflichtungen verbunden. Man soll sieben Dinge über sich erzählen, und dann soll man den Preis an andere Blogger weiter geben, die noch nicht allzulange bloggen. 

Also, dann fang ich mal an und erzähle sieben Sachen über mich:

1.) Ich bin schreibsüchtig.

2.) Ich liebe Brasilien.

3.) Ich kann nicht gut kochen.

4.) Ich lebe zur Zeit zwischen den Kisten.

5.) Ich mag Waldorfschulen.

6.) Ich reise gerne mit dem Wohnmobil.

7.) Meine Familie ist das Wichtigste für mich.


So, nun gebe ich den Versatile Blogger weiter an:




Ich bin mir etwas unsicher, ob ihr euch über diese Auszeichnung freut. 
Jedenfalls will ich euch damit sagen, dass ich euren Blog gerne lese.


Dienstag, 15. Februar 2011

Blick in einen Abgrund

Gestern musste ich eine fremde Wohnung bereten. Schwierige äußere Umstände machten diesen Schritt nötig. 
Ich ging in diese Wohnung, ohne eingeladen und ohne erwünscht zu sein. 
Das war ein unheimliches Gefühl. 

Als ich die Wohnung betrat, traf mich fast der Schlag. Der Müll stapelte sich bis unter die Decke, und aus allen Räumen schlug mir ein unerträglicher Gestank entgegen. 
Doch obwohl es so schrecklich war, ging ich weiter. Schaute in jedes Zimmer. Fasziniert und angewidert zugleich.
Ich überlegte die ganze Zeit, was wohl in so einem Menschen vor sich geht, wenn er abends nach der Arbeit in diesen Müllhaufen zurück kehrt. Ich fragte mich, wo der Typ wohl schläft oder wo er etwas isst. 
So etwas hatte ich noch nie vorher gesehen. Nicht einmal im Fernsehen. 

Es war dieses Gefühl: Du machst die Tür auf und schaust in einen menschlichen Abgrund.

Sonntag, 13. Februar 2011

Eine Kindheit in Schweden

Wie viele Kinder in aller Welt habe auch ich meine Kindheit in Schweden verbracht. 
Damals hieß ich Lisa und lebte mit meinen Brüdern Lasse und Bosse auf dem Mittelhof in Bullerbü.
Oft traf ich mich auch mit meinen Freunden Kalle Blomquist, Eva-Lotte und Anders, um in den Straßen von Kleinköping Banditen zu stellen.
Und in den Ferien lag ich zwischen Pelle und dem Bernhardiner Bootsmann auf dem Bootsanlegersteg der Insel Saltkrokan, und plante, die Welt zu retten.

Erst viel später reiste ich wirklich nach Schweden. Doch ich spürte sofort eine tiefe Verbundenheit mit diesem Land. Die roten Häuser, die tiefblauen Seen, die Wälder und die friedlichen Kleinstädte waren mir so vertraut. 
In diesem Land entdeckte ich einen Teil meiner Kindheit wieder.
Dank Astrid Lindgren.

Freitag, 11. Februar 2011

Treffen mit Djamal

Ich stehe am Bahnhof einer großen Stadt und warte auf Djamal, der letzte Jugendliche, den ich beim Schreiben der Biografie begleite. Ich bin gespannt, ob ich ihn wiedererkenne. Er sah immer so unterschiedlich aus. Im Gefängnis mit Knastkleidung und düsterem traurigem Gesicht, auf der Bank an einem Spielplatz mit schmutzigen Sachen, einer bunten Mütze und geweiteten Pupillen, dann mal mit schwarzer Lederjacke und langen Haaren.
Der Djamal, der mir nun entgegen kommt, ist völlig verändert. Er lacht, und um seine Mundwinkel bilden sich kleine Grübchen. Richtig jungenhaft sieht er jetzt aus.

Als er nach 1 1/2 Jahren aus der Haft entlassen wurde, stand er vor einem Scherbenhaufen. Von den Eltern verstoßen, hatte er keinen Personalausweis und keine Aufenthaltserlaubnis. Er konnte keine Wohnung mieten, keine Arbeit suchen, nicht zur Schule gehen und kein Konto eröffnen. Immer wieder war ihm die Polizei auf den Fersen. 200 Sozialstunden hatte er als Bewährungsauflage bekommen.
Das kann man gar nicht schaffen, habe ich so oft gedacht. Schon gar nicht mit 18.
Aber Djamal hatte ein klares Ziel vor Augen. Nie wieder Gefängnis.

Wo ich konnte, habe ich ihm geholfen. Auch der Verlag war zur Stelle, wenn Not am Mann war.
Eine tolle Arbeit leisteten die Sozialarbeiter und Streetworker. Sie erstellten Wochenpläne für ihn, unterstützten ihn bei Amtsgängen und Gerichten, begleiteten ihn auch psychisch.
Die genialste Arbeit aber leistete Djamal selbst. Er hielt sich genaustens an seinen Wochenplan und arbeitete außerdem seine Sozialstunden ab. Als er endlich den Perso hatte, suchte er sich eine kleinen Wohnung und beantragte Hartz IV. Im Sommer wird er wieder zur Schule gehen.
Er hat es noch nicht geschafft.
Aber es sieht verdammt gut für ihn aus.

Sein Buch "abgeschoben" erscheint im Herbst.

Mittwoch, 9. Februar 2011

Wie die Reihe "KLAR-reality" entstand

KLAR-reality heißt die Reihe, in der ich Jugendliche begleite, ihr Leben aufzuschreiben. Fünf Bücher sind bis jetzt in dieser Serie entstanden, drei erscheinen noch. 

Die Idee zu so einer Reihe war immer mal wieder Thema im Verlag, aber so richtig konkret wurde sie für mich, als ich eines Tages gemütlich durch die Fußgängerzone schlenderte. Ich sah vor einem Geschäft ein Mädchen sitzen, dass das Schild "obdachlos" neben einer Pappschachtel aufgestellt hatte. Und als ich genauer hinschaute, lief mir ein Schauer über den Rücken. Ich kannte das Mädchen nämlich. 
Entsetzt setzte ich mich neben sie in die Fußgängerzone (witziger Weise steigerten sich dadurch ihre Gewinneinnahmen) und redete mit ihr. Sie erzählte mir, wie es dazu gekommen war, dass sie jetzt hier saß. Schulabbruch, Streit mit den Eltern, Drogen und vor allem der obdachlose Freund, ihre große Liebe. Wir redeten lange miteinander. 
Ich wusste, dass das Mädchen sehr kreativ war. Sie konnte immer unheimlich toll zeichnen, und so fragte ich sie, ob sie sich vorstellen könnte, ihr Leben aufzuschreiben und als Buch zu veröffentlichen. Sie nickte, meinte, das könne vielleicht eine gute Chance sein, die Geschehnisse zu verarbeiten.

Ganz benommen und aufgewühlt von dieser traurigen Begegnung schrieb ich an den Verlag an der Ruhr und fragte nach, ob wir diesem Mädchen vielleicht eine Chance zum Schreiben geben könnten. Ich versprach, sie beim Schreiben zu begleiten und dafür zu sorgen, dass ein lesenswertes Buch dabei heraus kommt. 
Der Verlag zeigte große Anteilnahme. Sie berieten sich und stimmten schließlich zu, dieses Projekt ins Leben zu rufen. Dafür bin ich ihnen von ganzem Herzen dankbar. So ein Projekt abseits des Mainstreams zu entwickeln, ist ein großes Risiko. 
Nachdem ich die Zusage hatte, rannte ich sofort wieder durch die Fußgängerzone und traf auf das Mädchen. Doch sie war plötzlich nicht mehr bereit, zu schreiben. Zu tief war sie bereits im Drogensumpf versackt. 
Total traurig, aber nicht zu ändern.

Doch das Projekt war ins Leben gerufen, und so suchte ich andere Jugendliche, die gerne schreiben wollten. Ihre Bücher handeln von häuslicher Gewalt, von Drogen, Kriminalität, vom Ritzen oder von der Prostitution.

Montag, 7. Februar 2011

Der Prophet gilt nichts...


Eigentlich ist es mir ja piepsegal, ob die Lehrer des 15000-Seelen-Ortes, in dem ich lebe, wissen, dass es mich gibt. Aber in dem Moment, in dem ich Stund um Stunde in der Bahn sitze, in dem ich über den Bahnsteig renne, um den Anschlusszug zu erwischen, in dem ich allein in einem Hotelzimmer sitze und versuche, den Internetanschluss zu aktivieren, frage ich mich:
Warum in aller Welt muss ich eigentlich immer so weit fahren?
Warum kommen die Lehrer in meinem Heimatort nicht auf die Idee, mich mal zu einer Lesung einzuladen? 
Auch bei uns gibt es Schulen.
Auch bei uns gibt es Nichtleser.
Aber im eigenen Ort ist und bleibt ein Autor ein Hobbyschriftsteller. Der Heimatdichter, der seine Zeit damit verbringt, Gedichte in Sütterlin in ein Poesiealbum zu schreiben. 

Dafür aber ist mein Heimatort den Schülern in der Ferne unbekannt.
Erzähle ich bei einer Lesung, dass ich aus Bad Lippspringe komme, hat eigentlich niemand diesen Ortsnamen bis jetzt gehört. Und noch hundert Kilometer weiter kennen sie auch die Kreisstadt Paderborn nicht mehr. Und noch zweihundert Kilometer weiter muss ich meinen Wohnort mit "zwischen Hannover und Dortmund" definieren.
Das wenigstens ist mir eine kleine Genugtuung!

Sonntag, 6. Februar 2011

Wochenend-Plackerei

Meine lieben Blogleser, nur damit ihr wisst, dass ich am Wochenende nicht untätig auf sem Sofa liege...  Einen herzlichen Gruß direkt aus der Umzugskiste. 

Eigentlich macht es Spaß, jedes Teil unseres Hauses einmal in der Hand zu halten und nach den Kriterien "wegwerfen", "verschenken" oder "mitnehmen" zu bewerten. 
Gott sei Dank habe ich eine nette ältere Frau kennen gelernt, die jede Woche auf dem Flohmarkt steht und sich mit dem Verkauf von Gebrauchtsachen ihre Rente aufbessert. Sie kann eigentlich alles gebrauchen, und unter den Gesichtspunkten ist es viel leichter, die Dinge unter "verschenken" abzulegen.
Die Kistenberge wachsen trotzdem täglich.

Freitag, 4. Februar 2011

Es fließt wieder

Mein Schneckenhaustag hatte eine gute Seite. Jetzt fließt es wieder. 
Es ist nicht der totale Schreibflash. Eher ein gutes konzentriertes Arbeiten an verschiedenen Baustellen. Die Worte fliegen mir zu. Alles ist wieder da. Ich ruhe in mir und schreibe.

Als sich ein Schatten in mein Zimmer schiebt, falle ich fast vor Schrecken vom Stuhl. Mein Sohn. Er wolle nicht stören, sagt er höflich. Nur, nehmen wir einmal an, er ginge heute mal nicht in die Mensa... ob es dann auch hier etwas zu essen gäbe.
Oh Gott. Wie spät ist es denn?
Nach kurzer Diskussion einigen wir uns auf eine Fertigpizza.

Dann geht es weiter.
Nicht nur kreative Texte sind dabei. Auch Verwaltungsarbeit. Rechnungen fertig stellen, E-Mails beantworten, Schülerbriefe schreiben.
Abends bleibt das gute Gefühl, viel geschafft zu haben. 

Mittwoch, 2. Februar 2011

Der Tag danach

Tage nach den Lesungen sind Selbstfindungstage. Und dieses Wort ist eigentlich viel zu schön für das, was in mir vorgeht. Ich bin nämlich einfach nur schlecht gelaunt, muffelig und gelangweilt. 
Ich friere. Meine Haare liegen nicht. Meine Haut fühlt sich trocken und gespannt an.
Das Haus ist unordentlich. Die Betten müssen bezogen werden. Die Bügelwäsche wartet.
Ein Manuskript muss korrigiert werden.
Ich muss dringend ein paar Telefonate führen und einen Zug raussuchen. 

Aber ich sitze hier an meinem unaufgeräumten Schreibtisch und klage mein Leid in die Tastatur.

Dieses Wechselbad der Aufmerksamkeiten in meinem Leben ist immer sehr anstrengend. 
Da sitze ich in der Regel allein vor der Tastatur. Immer derselbe Schreibtisch, derselbe Ausblick aus dem Fenster, derselbe Tagesablauf.
Und dann plötzlich ist alles so anders, so unruhig, so hektisch.
Dann sitze ich früh morgens im Auto und fege über die Autobahn.
Ich stehe in einer Aula, in einem Klassenraum, in einer Bücherei.
Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Ich bin im Mittelpunkt.

Dieses Wechselbad ist witzig und lebendig. Aber es kostet Kraft.
Und so muffele ich heute vor mich hin. 
Der Bick aus meinem Fenster ist grau.
Und die Wäsche bleibt auch erst mal liegen.

Dienstag, 1. Februar 2011

Wieder in Kassel



In Kassel werde ich oft zu Lesungen eingeladen. Oft bezeichne ich diese Stadt als meine "heimliche Lesehochburg".
Heute war ich an der Valentin-Traudt-Schule, einer bunten Multi-Kulti-Schule zu Gast. In dieser Schule lernen 17 unterschiedliche Nationen unter einem Dach. 

Diesmal findet eine Lesewoche in der Schule statt. Darum soll ich für die 8. und 9. Schuljahre aus verschiedenen Klar-Reality-Büchern vorlesen, die Biografien, die ich mit Jugendlichen zusammen geschrieben habe.
Die erste Gruppe Achtklässler empfängt mich reserviert. Mit Lesen haben sie nicht viel am Hut. 
Auch dass ein Autor in ihre Schule kommt, interessiert sie nicht wirklich.
Ich lese aus "abgehauen", "abgestürzt" und "abgemixt".
Die Schüler hören gut zu, aber sie äußern sich nicht zu den Büchern.
Ob sie noch Fragen haben?
Nein, keine Fragen.
Ob sie Autogramme haben möchten?
Na gut.
Als sie gehen, bin ich etwas ratlos. Wie ist es ihnen wohl ergangen? Die Geschichten sind ja nicht so einfach wegzupacken.
Als ich im Lehrerzimmer bin, bringt ein Schüler einen Brief. Die Schüler haben ihre Rückmeldungen notiert. Es hat ihnen gefallen. Besonders gut fanden sie, dass die Texte wirklich passiert sind. 
Ich bin froh, doch noch von ihnen zu hören. Und besonders erleichtert bin ich, dass es ihnen gefallen hat. 

Gruppe zwei ist lebendiger. Sie kennen schon viele Bücher von mir.
Wieder lese ich verschiedene Passagen aus den Klar-Reality-Büchern. Die realen Bücher gefallen ihnen, und sie wollen einiges über die Jugendlichen wissen. 
Einige könnten sich auch gut vorstellen, so ein Buch zu schreiben.

Zuletzt meldet sich noch eine 7. Klasse. Ob ich nach der Lesung noch mal ganz kurz bei ihnen reinschauen könnte. Sie haben mein Buch "Keine Chance, wer geht denn schon mit Türken" gelesen und wollen mal wissen, wie ich aussehe. Auch Fragen zu dem Buch haben sie.
Natürlich gucke ich gerne bei ihnen vorbei. Und fotografieren darf ich sie auch!