Sonntag, 16. Februar 2020

Amazon-Rezensionen



Damals, als Marcel Reich-Ranicki eine Monopolstellung in Sachen Literaturkritik hatte, war die Welt noch in Ordnung. Er war geliebt und gefürchtet, in Sachen Frauen als Autoren fast immer vernichtend, es sei denn, sie schrieben komplizierte Lyrik. Okay, Journalisten mussten einen halben Meter zurück treten, wenn sie ihn um seine Kompetenz befragten, denn seine Aussprache war mehr als feucht, und doch wurde seine Literaturkritik respektiert und hatte einen gewissen Unterhaltungswert.
Heute ist jeder zum Literaturkritiker geworden, darf alles bewerten und sein Urteil veröffentlichen. Das ist durchaus demokratisch gedacht, es wirft jedoch auch einige Probleme auf.  Hin und wieder kommen solche Kritiken zustande wie „Der schrieftstella konnte garnich rechtschreipen“, dem man eine gewisse Unkenntnis der Sachlage unterstellen könnte. Oder es werden solche Dinge veröffentlicht wie: „Am Ende stellt sich heraus, dass der Gärtner der Mörder war und da er auch noch der uneheliche Bruder des verstorbenen Vaters war …“  und man wünscht sich, der Kritiker hätte einfach rechtzeitig die Klappe gehalten. Und wenn jemand schreibt „Tolles Buch“ – Fünf Sterne, weiß man, der Autor hat sich bei seinen 1469 Fünf-Sterne-Rezis höchstpersönlich eine große Tüte Sterne gekauft.
Neuerdings aber sind immer weniger Leser bereit, eine lange Bewertung abzugeben. Da amazon jedoch auf solche Urteile setzt und sie das Geschäft ankurbeln, ist der Verkaufsriese nun dazu übergegangen, dass man ein Buch einfach anonym und ohne Rezi bewerten kann. Man muss noch nicht mal „Alles Scheiße, deine Elli“, schreiben. Damit hat man die Türen für Fakes weit geöffnet. Ist ja immer so einfach, jemandem vor die Füße zu spucken, ohne sich dabei sichtbar zu machen.
By the way, wehren kann man sich natürlich auch nicht. Es gibt ja keine Rezi, die man beanstanden kann.


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