Dienstag, 28. Februar 2012

Abhängig


Als ich unsere Islandpferde in den Stall bringen will, kommt eine Frau über den Hof. Sie schiebt einen Jungen in einem Rollstuhl vor sich her. Er ist an Körper und Beinen festgebunden. Als er die Pferde sieht, kreischt er laut und wirft sich von einer Seite auf die andere. Der Rollstuhl wackelt. Die Frau hat Mühe, ihn festzuhalten. Der Junge hat Bärenkräfte.
Ich bin unsicher, ob er Angst hat, aber dann sehe ich, dass er lacht. Ich hole mein Pferd aus dem Paddock und führe es zu ihm. Der Junge lacht lauter, wirft sich wilder hin und her. Rós bleibt cool. Islandpferde sind durch nichts aus der Ruhe zu bringen.
Der Junge liebe Pferde, erfahre ich jetzt von der Frau, die stundenweise seine Pflegerin ist. Beim therapeutischen Reiten sitze er ganz still.   
Auch jetzt lächelt er glücklich.
 „Wie heißt du?“, frage ich ihn.
Die Pflegerin nennt mir seinen Namen. „Er kann nicht mehr sprechen“, erklärt sie mir. „Er leidet an einer seltenen Stoffwechselkrankheit und baut immer mehr ab. Früher konnte er noch reden und laufen, jetzt kann er gar nichts mehr.“
Ich reiche ihm meine Hand. Er zerquetscht sie fast. Kreischt dann wieder und wirft sich hin und her.
„Der hat nicht mehr lange“, sagt die Pflegerin. „Schlimm für die Eltern.“
Jetzt wird der Junge ganz still. Und mit einem Mal sieht er ganz traurig aus.
Ich streichele seine Hand.  „Das können Sie doch nicht einfach so sagen“, sage ich.
„Ach“, sagt die Pflegerin. „Der kriegt doch gar nichts mehr mit.“

Kommentare:

  1. Wa??
    Diesen Schock muss ich jetzt erstmal verdauen! Ob diese 'Pflegerin' auch schon mal was von nonverbaler Kommunikation gehört hat? Nur weil er nicht sprechen kann, heißt das doch nicht, dass er sich nicht mitteilen kann, geschweige denn, dass er nichts mitkriegt. Darüber müsste man sowohl die Eltern als auch den zuständigen Pflegedienst sofort informieren. Als Betreuung ist diese Frau jedenfalls völlig indiskutabel! Das arme Kind. Grauenvoll sowas. Ich stehe jetzt unter Schock.
    Nikola

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  2. Die Tatsache dass er das Pferd gesehen und erkannt hat bezeugt ja wohl schon eindeutig, dass er sehr wohl etwas mitbekommt.
    "Der machts nicht mehr lange" ist zudem in keinem Fall ein angemessener, respektvoller Umgang mit einem Menschen.

    Ich versuche es gerade nachzuvollziehen, dass man als Pflegepersonal auf Dauer eine gewisse Distanz zu den Kranken aufbaut, um das gefühlsmäßig noch verarbeiten zu können. Wer weiß wie viele Leute sie für jeweils ein paar Stunden betreuen muss, jeden Tag.
    Daher möchte ich das Fehlverhalten der Pflegerin nicht zu hart verurteilen.

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    1. Auch unter Stress und von mir aus mit 20 solcher Patienten am Tag, ist das auf jeden Fall zu verurteilen. Es handelt sich hier um ein hilfloses Kind!
      Von professionellem Verhalten keine Spur, sowas ist eine Schande für diesen (auch meinen) Berufsstand - Abmahnung!

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  3. Also, Nikola, sollte ich jemals krank werden, bestehe ich darauf, von dir verpflegt zu werden.
    Diese Frau war eigentlich nett - sie wollte dem Jungen ja auch etwas Gutes tun und sie machte sich Gedanken um ihn. Es passiert nur so oft, dass jemand im Beisein eines Kindes, eines Behinderten oder auch eines alten Menschens, über ihn redet, während er dabei ist, oft aus Gedankenlosigkeit. Und die Worte dieser Pflegerin waren in jedem Fall erschreckend, zumal ich das Gefühl hatte, das Kind verstand es wirklich.

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